Memento Mori Ziegenhorn Tattoo: Zwischen Krieg, Kunst und Konstruktion
„Wenn man möchte, dass Linien Trampolin springen, sobald der Bizeps geflext wird: Das wird bei einem Kletterer auf jeden Fall passieren. Die Kunst lag hier darin, die Geometrie des Tattoos mit der ausgeprägten Anatomie des Armes so zu verschmelzen, dass die Dynamik im Fluss bleibt – vom ersten Griff bis zum Abgrund.“
Die kriegerischen Wurzeln einer Berufsgruppe
Ingenieure sind eine ganz besondere Sorte Mensch. Was den meisten Leuten nicht geläufig ist: Sie kommen ursprünglich aus einer sehr klar abgegrenzten Sparte – der Militärtechnik. Auch wenn das lateinische Wort ingenium mit der Bedeutung „Erfindung, Scharsinn“ verallgemeinert für ein angeborenes Verständnis für konstruktive Abläufe und die Optimierung technischer Maschinen stehen mag, so wurde das italienische ingegnere im Wesentlichen als „Kriegsbaumeister“ verwendet.
Kanonenberechnung an der Universität
Vor nicht allzu langer Zeit habe ich ein Studium der Ingenieurwissenschaften an der TU München angefangen und durfte voller Begeisterung mittels physikalischer Berechnungen die Reichweite meiner napoleonischen Kanonen justieren. Nach wie vor sind praktische Anwendungsbeispiele fester Lehrinhalt für den Ingenieur. Somit ist es relativ klar: Ingenieure sind dafür da, technische Lösungen für technische Probleme zu finden. Auf der Grundlage naturwissenschaftlicher Erkenntnisse wird geforscht, aber auch praktisch angewandt und experimentiert.
Ein kreativer Abstecher in die Wissenschaft
Leider bin ich viel zu pragmatisch für so etwas und fühle mich dann doch eher dem Künstlerischen hingezogen. Deswegen würde ich meinen Abstecher in die Welt der Wissenschaft als Auffrischung zur Erweiterung des Horizonts bezeichnen. Und natürlich als unermesslichen Quell, um mehr klugscheißen zu können – wobei sich das ja dann „Fachgespräch“ nennen würde. Oder stetiges Bemühen, mitreden zu können? Anyway, genug dem Flachs. Denn es geht bei diesem Projekt nur bedingt um mich.
Die Herausforderung: Das Projekt Klettern mit den Ziegen
Das mathematisch-künstlerische Dilemma
Es geht um die Herausforderung, sich mit einem Herrn Ingenieur gedanklich und technisch so in Deckung zu bringen, dass das Projekt auch tatsächlich realisiert werden kann. Und wie man an Leonardo da Vinci sieht, ist Kunst manchmal gar nicht so weit entfernt vom Ingenieurwesen. Oliver ist auf jeden Fall Ingenieur. Und er hat sich einige Gedanken gemacht, wie man denn am besten ein Tattoo aufbauen könne.
Eine dezente Botschaft am Fuß des Motivs
Ein Tattoo, das unter dem Motto „Memento mori“ stehen sollte. Nicht als große Überschrift, sondern im wahrsten Sinne des Wortes als eine eher dezente Fußnote, um das Tattoo nach unten auslaufen zu lassen. Darüber sollte sich das Horn einer Ziege um den Arm schlingen. Über diese war Oliver beim Bergwandern in Griechenland gestolpert. Also nicht über die lebendige Ziege – über Ziegen stolpert man selten, dafür sind sie viel zu agil.
Ein literarischer Exkurs zum Thema Ziegen
Vielmehr lassen Ziegen einen eher gerne mal stolpern, wenn sie jemanden auf die Hörner nehmen. Das machen die durchaus gerne. Es gibt da eine wunderschöne Geschichte von dem amerikanischen Schriftsteller Ambrose Bierce aus der Kollektion „Der Eltern-Mörder-Club“. Makaber, voller dunklem, schwarzem Humor, zynisch bis ins Blut und absurd. Aber ich denke, das schweift jetzt etwas ab.
Ein entspanntes Fundstück aus den Bergen
Die Ziege, um die es hier geht, hat ein sehr entspanntes Wesen – im Gegensatz zu der in der Geschichte. Sie ist nämlich sehr tot. Und so ließ sie sich auch schön mitsamt Horn ablichten. Welche weiteren Gedanken von der Ziege angestupst worden waren, kann man nicht genau sagen. Aber es sollten die Yoga-Pose „Krieger“, eine springende Gliederpuppe, ein Felshaken und Bäume mit Kirschblüten mit in das Tattoo.
Anatomie vs. Geometrie
Das Problem mit rotierenden Linien
Natürlich durfte der Lieblings-Karabiner aus orange eloxiertem Aluminium nicht fehlen. Das Ganze sollte, wie erwähnt, um den Arm geschlungen werden. Nun gibt es ein paar Sachen, die schon oft versucht wurden und in der Regel einfach furchtbar ausgehen: Elemente um einen männlichen, muskulösen Oberarm herumwinden zu lassen. Wenn man möchte, dass Linien Trampolin springen, sobald der Bizeps geflext wird, herzlichen Glückwunsch: Das wird auf jeden Fall passieren.
Anpassung an eine Kletterer-Muskulatur
Oliver hat als passionierter Kletterer eine durchaus sehr gut strukturierte und ausgeprägte Muskulatur. Diese muss unter Berücksichtigung verschiedenster Komponenten perfekt angeschnitten werden, um das Ziel ohne ungewollte Biegungen oder gar Ecken zu erreichen. Somit war eine meiner ersten Fragen, ob es denn unbedingt exakt diese Ziege sein müsse. Bei Ziegen gibt es ganz tolle Ausformungen von Hörnern, da muss man nicht einmal die Vierhornziege anschauen. Auch wenn es durchaus interessant ist, diese genetischen Mutationen zu erforschen.
Die strategische Platzierung des Springers
So kamen wir in ein kreatives Zusammenspiel, das unter Einbindung der Besonderheit von Hornstrukturen die praktikable Möglichkeit einer Windung um den Arm beinhaltete. Da bei dieser Konstruktion der „Springer“ nun eine andere als die von Oliver vorgedachte Position bekam, bot es sich an, diesen am Bizeps zur Achsel hin zu platzieren. In klein, ca. 4×3 cm, mit sehr starkem Kontrast aus Dunkelheit und Hautfarbe.
Feinschliff und Perspektivwechsel
Die Korrektur der ursprünglichen Vasen-Form
Den Krieger haben wir dafür eher hell gehalten, die oberen Linien nicht in Schwarz, sondern in einem mittleren Grau. Die ursprüngliche Skizze hatte das Horn mit der Öffnung nach oben, ähnlich einer Vase, gedacht. Aus der Öffnung kommend sollten sich verschränkende Bäume mit Kirschblüten ähnlich einer DNA-Helix zeigen. Nachdem das anatomisch nicht vorteilhaft war – insbesondere wegen des stark ausgeprägten mittleren Kopfes des Deltamuskels –, schlug ich vor, die Perspektive auf eine Vorderansicht der Hornöffnung zu legen.
Muskelstränge als natürliche Wegweiser
Einerseits konnte dadurch der vordere Trizeps-Bauch als umleitendes Element für die in angedeutete Schwaden auslaufenden Bäume verwendet werden, als auch in die andere Richtung als Überleitung zu dem sehr gut definierten Bizeps. Im Innenarm wurden die unregelmäßigen Hornstrukturen zu einer verflachten, perspektivischen Ansicht quer über den Ellbogen gedreht, um auf dem Brachioradialis auszulaufen.
Die Metapher des drohenden Absturzes
Wegen der reduzierten Größe des Springers – zur Innenseite des Bizeps war nicht ausreichend Platz ohne weitere Verzerrung – schlug ich vor, die Form des Deltas zu nutzen und eine weitere Zeichenpuppe im Sprung darzustellen. Diesmal mit einer Ansicht von oben. Der Deltamuskel konnte durch die perspektivische Betrachtung der Figur wunderschön unterstützend genutzt werden, um in einen Fluchtpunkt zu münden und damit den bei jeder Kletterpartie drohenden Absturz noch ausdrücklicher zu verdeutlichen.
Das fertige Kunstwerk
Das Ambigramm als gestalterischer Clou
Zum Schluss durfte ich mich noch ergeben, auch wenn es kein Krieg war. Ein „Memento mori“, die Schrift in zweifacher Ausführung. Die Schrift ist sowohl von oben als auch von unten zu lesen, da aufeinandergestellt – eine Idee, eingebracht von Oliver. Nachdem ich seinen urspünglichen Gedanken, die Schrift eher Pfeilförmig zu gestalten, wohl mal freundlich lächelnd an einen Teufelsschwanz erinnernd kommentiert hatte. Wäre dieses Tattoo durch den Einsatz von übermäßigem Schwarz im Hintergrund gearbeitet worden, statt mittels reiner Körperschatten, so könnte man wohl von einem der dunkelsten Dark-Art-Tattoo-Pieces sprechen, die ich je gemacht habe.
Symbolik von Leben, Wagnis und Vergänglichkeit
Wenige Sachen erschrecken schließlich so sehr wie der Absturz aus großer Höhe. Durch die feine Ausarbeitung verdeutlicht es aber viel mehr als das: Leichtigkeit, Dynamik und Flexibilität durch den Wechsel der Perspektiven und der Drehung – ein Leben im Fluss. Besinnung durch das In-Kauf-Nehmen von Wagnissen; den Anfang im Blick, aber auch das Ende.
Das Fazit einer stundenlangen Justierung
Auch wenn ich beim Feinjustieren nach dem Aufsetzen des Stencils stundenlang korrigiert habe, um jede Bewegung beim Flexen und Strecken des Armes zu berücksichtigen – oder vielleicht gerade deswegen: Ich habe dieses Tattoo sehr gefeiert.
Zusammenfassung: Technik und Anatomie – Memento Mori Kletter-Tattoo
Projekt-Historie: Maßgeschneidertes Custom-Tattoo als organisch fließendes Gesamtkunstwerk auf dem männlichen Oberarm; anspruchsvolle Vereinigung einer Vielzahl persönlicher, kletter- und naturbezogener Symbole unter dem zentralen Leitmotiv der Vergänglichkeit.
Anatomische Anpassung: Millimetergenaue Justierung der unregelmäßigen Hornstrukturen quer über den Ellbogen, um sanft auf dem Brachioradialis auszulaufen; strategische Nutzung des stark ausgeprägten mittleren Deltamuskel-Kopfes für eine spektakuläre Gliederpuppen-Perspektive von oben, die nahtlos in einen Fluchtpunkt mündet.
Narrative Metamorphose: Transformation einer ruhigen, fotografischen Vorlage eines Ziegenhorns aus Griechenland in ein hochdynamisches Gestaltungselement; symbolische Verschmelzung der Yoga-Pose „Krieger“, Kirschblütenzweigen und Kletter-Equipment zu einer tiefgründigen Reflexion über das Wagnis, den Lebensfluss und das unweigerliche Ende.
Strategische Flussrichtung: Meisterhafte Nutzung des vorderen Trizeps-Bauches als visuelle Umleitung für die in feinen Schwaden auslaufenden Bäume; gezielter Übergang zur Innenseite des Bizeps, wo eine zweite, kontrastreiche Mini-Gliederpuppe im exakten Einklang mit den Muskelgrenzen platziert wurde.
Handwerkliche Herausforderung: Stundenlange, zentimetergenaue Feinjustierung des Stencils in der Bewegung, um ein unschönes Verzerren („Trampolin-Springen“) der Geometrie beim Flexen der ausgeprägten Kletterer-Muskulatur zu verhindern; Verzicht auf massive, dunkle Hintergründe zugunsten einer subtilen Tiefenwirkung durch rein natürliche Körperschatten.
F.A.Q. (Häufig gestellte Fragen)
Wie wurde verhindert, dass sich das Tattoo bei Muskelbewegung verzerrt?
Bei einer stark ausgeprägten Muskulatur – wie bei Oliver durch das Klettern – verformen sich gerade Linien bei Bewegung extrem. Um das „Trampolin-Springen“ der Linien zu verhindern, wurde das Stencil nach dem Aufsetzen stundenlang in der Bewegung fejustiert. Zudem wurden die unregelmäßigen Strukturen des Ziegenhorns so platziert, dass sie den Muskelbäuchen (wie dem Trizeps und dem Deltamuskel) anatomisch folgen, statt sie starr zu schneiden.
Warum wurde die Perspektive des Ziegenhorns verändert?
In der ersten Skizze war das Horn wie eine Vase nach oben geöffnet geplant, aus der Kirschblüten wachsen. Wegen des stark ausgeprägten mittleren Kopfes des Deltamuskels hätte dies unvorteilhaft gewirkt. Die Lösung war ein Perspektivenwechsel: Das Horn wird nun von vorne betrachtet. So nutzt die Komposition den vorderen Trizeps-Bauch perfekt als umleitendes Element für die auslaufenden Kirschblütenschwaden.
Was hat es mit den beiden Gliederpuppen auf sich?
Die Zeichenpuppen symbolisieren den Moment des Fallens und das für Kletterer allgegenwärtige Risiko des Absturzes. Die erste Puppe wurde sehr kontrastreich (dunkel/hautfarben) und kompakt am Innenarm zur Achsel hin platziert. Die zweite Puppe nutzt die natürliche Form des Deltamuskels und wurde in einer spektakulären Vogelperspektive (Ansicht von oben) gestochen, um optisch direkt in einen Fluchtpunkt zu münden.
Was ist das Besondere am „Memento Mori“-Schriftzug?
Der Schriftzug bildet den dezenten Abschluss nach unten und wurde als Ambigramm umgesetzt. Die beiden Wörter wurden von Oliver so konzipiert und aufeinandergestellt, dass der Text sowohl von oben (aus Sicht des Trägers) als auch von unten (für den Betrachter) perfekt lesbar ist.
Ist dieses Tattoo ein klassisches „Dark Art“-Piece?
Thematisch ja, da der drohende Absturz und die Vergänglichkeit im Fokus stehen. Stilistisch unterscheidet es sich jedoch: Statt auf großflächigen, tiefschwarzen Hintergrund zu setzen, wurde hier ausschließlich mit feinen, reinen Körperschatten gearbeitet. Das verleiht dem gesamten Motiv trotz der ernsten Thematik eine überraschende Leichtigkeit und Dynamik.








