Was definiert einen Künstler im Tattoo-Bereich ?

Recht und Gesetz: Die Evolution des Kunstbegriffs

Von der Selbstwahrnehmung zur Außenwahrnehmung

Bei dieser Frage muss man klar zwischen Selbstwahrnehmung und Außenwahrnehmung differenzieren. Denn Bemühungen, sich selbst als Künstler  zu verstehen, gab es im Tattoo-Bereich wohl schon bereits in den 70er-Jahren. Auch wenn es fraglich ist, ob es sich da nicht um eine kreative Form der Buchführung als um eine kreative Ausgestaltung des Künstlerbegriffes handelte – der Mann durfte ca. 200.000 D-Mark bei einer Steuerprüfung nachzahlen –, so kann man sagen, dass Tätowieren schon seit langer Zeit versucht hat, den Status einer Kunstform zu erlangen. Die Judikatur hat dabei im Laufe der Zeit eine gedankliche Kehrtwende vollzogen.

Das Künstlersozialversicherungsgesetz (KSG) in der Praxis

Auf den Punkt gebracht wird nach neuester Rechtsprechung nicht mehr einem überholten Kunstbegriff nachgehangen, sondern durch historische Auslegung der ursprüngliche Wille des Gesetzgebers des Künstlersozialversicherungsgesetzes interpretiert. Und bei diesem gab es keine fixe Auflistung, wie sie z.B. in der Gewerbeordnung Teil A oder B zu finden ist, sondern der Gesetzgeber hat im Künstlersozialversicherungsgesetz nur allgemein von Künstlern und künstlerischen Tätigkeiten gesprochen. Auf eine materielle Definition des Kunstbegriffes hat er hingegen bewusst verzichtet (BSG, Urteil vom 28. Februar 2007 –B 3 KS 2/07 R, mVa. BT-Dr. 8/3172, S. 21).

Die Modernisierung durch das Bundessozialgericht

Für den Antragsteller ist damit durch nun mehr fast schon gängige Praxis zu nennende gerichtliche Auseinandersetzung mit der KSK – der Klageweg war ja schon immer eröffnet – der Beitritt zur Künstlersozialkasse in hoffnungsschwangere Nähe gerückt. Durch das aktuelle Urteil des BSG vom 27.06.2024 (Urteil vom 27.06.2024, B 3 KS 1/23 R) wurden anscheinend Hebel umgelegt, die zu weiteren Aufnahmeverfahren nach erfolgreichem Klageweg geführt haben. So wurde in einem Instagram-Post von Dr. Lars Rieck erst unlängst mitgeteilt, dass eine von ihm vertretene Mandantin den Einzug in die Künstlersozialkasse Tätowierer Riege erstritten hat.

Der alte Anforderungskatalog der KSK

Bis zu dem Urteil vom 27.06.2024 war es gängige Praxis der KSK, einen bestimmten Anforderungskatalog für die Entscheidung anzuwenden. Dabei war eine quasi-objektivierte, öffentlich-wirksame Bedeutsamkeit der Tätigkeit des Antragstellers vonnöten: Ausstellungen, gesteigerte Reputation, Anerkennung im Fachbereich und über den Fachbereich hinaus in Künstlerkreisen, Nachweise durch Artikel und Publikationen. „Tätowierer seien nach dem BSG nur dann bildende Künstler im Sinne von § 2 Satz 1 KSVG, wenn sie mit ihren Arbeiten Aufmerksamkeit und Anerkennung über den eigenen Kundenkreis und über die Szene der Tätowierer hinaus erzielten“ ( KSK, Ablehnungsbescheid vom 03.07.2020, Verweis auf BSG 28.2.2007, B 3 KS 2/07 R) Diese Praxis wird durch die neue Rechtsprechung ausgesetzt. Damit stellen sich wiederum neue Fragen. Was macht Tätowierer zu Künstlern?

Die persönliche Perspektive: Dunkelziffern und Arbeitsweisen

Meine Historie mit der Künstlersozialkasse Tätowierer

2003/2004 spielte ich kurzzeitig mit dem ernsthaften Gedanken, mich selbst noch einmal in die Akademie der bildenden Künste einzuschreiben (sofern dieses Privileg mir zugestanden worden wäre) und Kunst zu studieren. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits seit knapp 10 Jahren als Tätowierer tätig und von der KSK rückwirkend zu meinen Anfängen 1994 als Künstler anerkannt. Nachdem es keine Unterlagen und Zahlen über die Menge an Tätowierern gibt, die von der KSK tatsächlich als Künstler anerkannt worden sind, besteht hier eine gewisse Dunkelziffer. Aufmerksamkeitsheischend sind lediglich die, die am lautesten schreien. Funfact: die KSK bewertet NICHT eine künstlerische Qualität, sondern ob jemand künstlerisch tätig ist.

Was definiert einen Künstler im Tattoo-Bereich: Der wahre Wert des Künstler-Status

Ich für meinen Teil habe darüber immer gewitzelt: „So kann ich nicht arbeiten, ich bin Künstler“. Aber das ist reiner Witz. Denn letztendlich hat man von dem Begriff Künstler nur relativ wenig. Die Aufnahme in die KSK mag Vorteile haben im Bereich der sozialen Absicherung, was das allerdings wiederum in der Selbstbetrachtung ändert, darüber kann man streiten. Grundwesentliche Eigenschaft von Künstlern ist es, Serien zu fertigen, ob es Kleinserien sind oder Monumentalserien. Themenspezifisch abgegrenzte Abwandlungen, die den Kunstinteressierten durch eine Katharsis führen sollen. Und hier differenzieren sich bereits grundwesentlich die Herangehensweisen.

Bilaterale Beziehungen und die Verführung von Social Media

Die beiden Seiten der Tätowierung

Dazu braucht es immer zwei Seiten. Es ist nicht bekannt, dass Leute von einem Tätowierer von der Straße gezerrt werden, um zu einem Kunstobjekt gemacht zu werden. Solche Umstände sind eher in reißerischen Horrorfilmen zu verorten. Eine neuere Entwicklung, gerade durch den Einsatz von Social Media, ist es, Leute gezielt mit sogenannten Wanna-Dos, in Kombination mit einem marketingstrategischen Auftritt, als Leinwand zu gewinnen. Sofern man es nicht bereits durch strategisches Vorgehen, die Selbstvermarktung auf Conventions oder geschicktes Beeinflussen der Kundschaft zu einem gewissen Standing gebracht hat und dieses Standing als Künstler danach weiter ausbauen kann.

Das Urteil über den individuellen Schaffensbereich

Jetzt könnte ich natürlich sagen, was meine persönliche Meinung dazu ist. Aber meine Meinung ist so uninteressant wie nichts. Denn wie gesagt, für so ein Vorgehen braucht es immer zwei Seiten. Und nicht eine dritte Seite, die von der Seitenlinie reinruft und denkt, den Schiedsrichter machen zu müssen. Wenn man von der Grunddefinition der Judikatur ausgeht, ist ein Tätowierer Künstler, wenn er oder sie einen eigenen individuellen Schaffensbereich eröffnet und damit die Ebene der vorgefertigten, auf rein handwerkliche Tätigkeiten bezogenen Tätowierungen hinter sich gelassen hat.

Vom Freehand-Design zum anatomischen Konzept

Impulse aus der Wiener Lehrzeit

Als ich im Jahr 1995 einen Monat bei Klaus Fuhrmann in seinem Studio in Wien verbracht hatte, gab es sehr viel Input. Aus meiner möglicherweise etwas naiven Perspektive konnte ich sagen, ich hätte bei ihm gelernt. Das entspringt meiner grundsätzlichen Verständnislage, dass man von jedem lernen kann. Klaus war bereits nach damaligen Maßstäben ganz klar ein Künstler. Sein Vater war meines Wissens nach Kunstmaler, die gesamte Familie künstlerisch angehaucht. Und er zeichnete freihändig in absolut souveräner Art Konzepte auf den Körper, die gerade zu dieser Zeit alleinstehend waren.

Die Falle der unbewussten Serienfertigung

Freehand ist ein Begriff, mit dem regelmäßig heute noch Tätowierer werben. Dementsprechend übernahm ich diesen Anspruch, freihändig Designs aufzeichnen zu können, und musste relativ bald feststellen, dass ich Serien fertigte. Motive gleichen einander, Charakteristiken von Gesichtern waren eindeutig verwandt. Und ich stellte für mich fest, dass das nicht der Weg war, den ich gehen wollte. Denn aus meiner Wahrnehmung war ich dabei das bestimmende Merkmal, und die andere Person wurde zu einer Leinwand degradiert. Und das widerspricht vollumfänglich meinem Verständnis einer bilateralen Beziehung.

Das Limit des menschlichen Arbeitsspeichers

Auch stellte ich fest, dass ich mit meinem beschränkten Arbeitsspeicher, Gehirn genannt, im Moment der Zeichnung nicht flexibel genug war, um vertiefte Perspektiven zu eröffnen. Wer ein Buch liest und denkt, somit die Welt zu kennen, sieht die Bibliothek nicht. Und somit folgte ich einem anderen Ansatz. Klaus sagte mir damals, ich müsste in meinen Arbeiten einen Wiedererkennungswert schaffen, einen roten Faden finden. Und meine möglicherweise naive Betrachtung der Welt sagte mir: Was interessiert mich ein roter Faden in meinen geistigen Ergüssen?

Der Körper als Maß aller Dinge: Die vierte Dimension

Was definiert einen Künstler im Tattoo-Bereich: Wenn die Anatomie den roten Faden diktiert

Was mich interessierte, war, wenn das definierende Merkmal der Körper, der formgebende Faktor die Muskulatur und Sehnen, und der Rahmen die Bewegung und Streckung der Haut ist. Aus diesem Grunde sieht man in meiner Galerie Arbeiten, die sich dem Außenstehenden nur bedingt als körperbetont darstellen könnten. Eine direkte Betrachtung ändert dabei vieles, z.B. durch ein Video, in dem verschiedene Perspektiven dargestellt werden können. In dem Urteil des SG Hamburg (48. Kammer), Urteil vom 18.06.2020 – S 48 KR 1921/19, wird als kennzeichnendes Merkmal für einen Künstler dargelegt, dass die Tätowiererin den Kunden keine Änderung des Motivs nach Fertigstellung des Entwurfs zugestehen würde. In Teilen folgt es dabei dem LSG Saarland, Urteil vom 09.06.2020, L 1 R 23/19.

Die Ablehnung starrer Design-Diktate

Der Brei hat nicht mitzureden, wenn der Koch rührt. Diesem Grundsatz kann ich, ausgehend von meiner Definitionsebene, dem Körper, nicht zustimmen. Hierbei ist der Rechtssatz des Finanzgericht Düsseldorf, 4 K 1875/23 G,AO interessant, Kunst ergibt sich nicht aus reinem Willen zum Kunstschaffen. Eine dynamische, bewegliche Grundlage, die der Körper zwangsläufig ist, durch den jedermann und jederfrau inhärenten Willen, sich zu bewegen, kann nicht einer starren Betrachtung unterworfen werden. Eine einer ständigen Transformation unterworfene biologische Einzigartigkeit muss in ihrer Einzigartigkeit begriffen werden. Sie darf nicht nur in einem dreidimensionalen Verständnis integriert, sondern muss in der vierten Dimension antizipiert werden. Denn ansonsten können bereits geringfügige Schwankungen des Körpergewichts zu einer maßgeblichen Veränderung des Tattoo-Ergebnisses führen.

Reiner Individualismus und kompromissloses Customizing

Hierbei ist noch nicht mal die Rede von der Veränderung der Farbe unter der Haut. Deswegen ist aus meiner Sicht ein Tattoo immer reiner Individualismus, der auf den individuellen Voraussetzungen des Körpers selbst, als auch den individuellen Gegebenheiten der betrachteten Körperstelle, als auch den individuellen Wünschen und Gedanken des Kunden basiert. Dies kann man ganz gut sehen in meiner kleinen Kollektion von La Catrina Masken. Hier wurde das Rad vielleicht nicht bei jeder Maske neu erfunden, aber doch neu eingespeist, neu justiert, mit Breitreifen versehen oder Vollgummi. In dem Sinne: vollkommen customized. Custom Tattoo München! Abhängig von Ort, Person, Vorgaben und Altlasten zu einem individuellen Ergebnis gebracht.

Beitragsbild: KSK-Anerkennung & neue Urteile: Was definiert Tätowierer als Künstler? Was definiert einen Künstler im Tattoo-Bereich? Roald "Raul" Beyer analysiert die Judikatur und den Körper als vierdimensionale Leinwand