„Sumi, als die japanische, in Stangen erhältliche Tusche wurde früher vor jeder Sitzung eigens für den Tätowierten angemischt. Ein Ritual, bis die gewünschte Konsistenz erreicht war.“
Asia Archiv: Die Tiefe der schwarzen Tusche
Asia-Tattoo, eine Evolution
Asia Tattoo Archiv: Das Archiv der fließenden Bilder und des Irezumi
Ganz ehrlich, was soll man sagen zu einem Archiv, das dem Stilbereich des Asia Tattoo oder Japan Tattoo, oder wie man inzwischen weiter gefasst sagt, dem Oriental Tattoo, gewidmet ist? Den Anfangszeiten meiner Tattookarriere huldigend, damit sie nicht einfach in der Versenkung verschwinden. Tatsächlich muss ich sagen, wenn ich mir die Arbeiten so anschaue, ein paar davon sind so alt nicht. Aber trotzdem alt genug, dass ich ab einem gewissen Zeitpunkt einen Cut machen musste, um die Galerie Japan Tattoo nicht zu überfüllen. Japan Tattoo, oder auch japanisches Tattoo, ist der Klassiker unter den Tattoos. Irezumi genannt, besteht es aus den japanischen Holzschnitten, Nishiki-e, oder dem Ukiyo-e, der Welt der fließenden Bilder, entlehnten Stilformen der japanischen Kunstgeschichte.
Meisterwerke und die Einflüsse des Kabuki-Theaters
Bekannte Vertreter dieser Kunstform wie Katsushika Hokusai, Katsukawa Shun’ei, Kikukawa Eizan oder Utagawa Kuniyoshi haben es hier zu einer Meisterschaft gebracht, die in der Tattoo-Welt gerne als Orientierung eine Weiterführung findet. Aber nicht nur: Denn ein ganz wesentlicher Inhalt des japanischen oder Oriental Tattoo sind die Geschichten des Kabuki Theaters. Dort finden Überschneidungen zu Holzschnitten bezüglich der erzählten Geschichten statt. Eine Besonderheit des Kabuki Theater ist, dass es sich rein um männliche Schauspieler handelt, auch in den weiblichen Rollen. Eine weitere Quelle für die Motivwahl im Oriental Tattoo sind die Elemente des älteren Nō-Theaters der Samurai. Hier werden Volksgeschichten, Dramen von Menschen und Ungeheuer und Dämonen erzählt.
Mythologie und Dämonen: Von Oni bis Kitsune
In diesen Dramen werden Wesen wie Oni oder Tengu, aber auch Kitsune, der Fuchsgeist, mittels Masken dargestellt. Eine der bekanntesten Masken und eines der meistverwendeten Motive im Oriental Tattoo sind die Hannya-Masken. Es handelt sich dabei um einen Oni, einen Geist einer eifersüchtigen und rachsüchtigen Frau. Auch ein sehr weit verbreitetes Motiv sind die Koi, oder der Übergang vom Koi zum Drachenfisch, der eine besondere Belohnung der Götter für die dem Koi nachgesagten Eigenschaften wie Mut, Stärke und Ausdauer symbolisiert. Damit stehen sie auch für Erfolg, Ehrgeiz, Glück und Fortschritt. Der Koi-Fisch wird nach dem Überwinden des Wasserfalls am Drachentor (Longmen) in einen mächtigen Drachen verwandelt.
Stilmittel und der Aufbau traditioneller Hintergründe
Die Symbolik von Oriental Tattoos ist voller Anmut und versteckter Bedeutungen, die in die Stilmittel der Wind- oder Wasser-Bars eingebunden sind. Harte schwarze, oder auch in der weicheren Form graue Flächen, die mehr oder weniger abgegrenzt nebeneinander aufgebaut werden. Hierbei gibt es in der Regel keine Glanzpunkte, keine Licht- und Schattenflächen von Gegenständen, nur volle und leere Flächen. Wolken und Gischtspritzer sind die meistverwendeten Elemente. Weiterhin werden allgemein die Elemente Erde und Holz gerne eingebracht. Gerne werden diese mit Blumen oder auch anderen Pflanzenelementen aufgelockert. Und ja, bei strenger Betrachtung gibt es auch hier Unterschiede in der Ausarbeitung: Es gibt Neo-Oriental Tattoo, Tradional Oriental Tattoo und sicher auch experimental Oriental Tattoos mit Winkekatzen.
Die Technik des Holzschnitts und die Tuschmalerei
Bezeichnend für das Japan Tattoo sind einfache Stilelemente. Diese sind auf die technische Möglichkeit des Holzschnittes zurückzuführen. Es war durch den Druck nicht möglich, Farben ineinander verlaufen zu lassen. Sie mussten nebeneinander aufgebracht werden. Bezeichnend sind dabei die Abwechslung von dunklen Flächen mit Elementen, die auflockernd wirken. Durch die weichen, fließenden Formen eignen sich diese Stilelemente wunderbar als Hintergrund. Allerdings gibt es gerade durch Verschmelzungen mit den Techniken des Sumi-e, der japanischen Tuschmalerei, oder auch der chinesischen Tuschemalerei die Möglichkeit von weichen, fließenden Übergängen anstatt der harten traditionellen Trennung. Das aber ist letztendlich immer eine Frage, wo sich der Kunde hin orientiert fühlt.
Kulturelle Wurzeln: Von der Yakuza bis zu den 47 Ronin
Aufgrund des einfachen und klaren Aufbaus wird das Japan Tattoo auch als Klassiker gehandelt. Schließlich sind die einzelnen Elemente in jeder Form für großflächige Arbeiten geeignet. Hierbei spielt natürlich auch die Verbreitung als „kulturelles“ Element der japanischen Yakuza mit hinein. Denn was ist ansprechender als ein wenig Unterweltscharme, insbesondere da es genug Filmographie gibt, die das Bild der Yakuza verbreitet. Hierbei sieht man gerne Motive als Bodysuits oder auch übergreifend für einzelne Körperpartien ausgearbeitet. Besonders hier werden Elemente der Volkssage der 47 Ronin verwendet, tragische Erzählungen von Ehre, Großmut und Opferbereitschaft. Die Erarbeitung von Konzepten dient dabei dem Zweck, auch später durch Windspiralen oder Wolken erweitert werden zu können.
Die Kunst der Sumi-Tusche und das Ritual
Zu den genannten harten Abgrenzungen kommt der Grundsatz des Sumi dazu. Sumi, als die japanische, in Stangen erhältliche Tusche, wurde früher vor jeder Sitzung eigens für den Tätowierten angemischt. In einem Ritual wurde dabei die Stangentusche so lange abgerieben und mit Wasser gemischt, bis die gewünschte Konsistenz erreicht war. Je nach Ergebnis wurde die Tusche während dem Tattoovorgangs wieder verdünnt, um graue Schattierungen zu bekommen. Hierbei ist dem Tätowieren durch die Möglichkeit, Nass in Nass zu arbeiten, keine Grenze gesetzt. Es wird in der Regel mit einem hellen Grau vorgearbeitet, um dann mit einem dunkleren Grau nachzuarbeiten. So können den harten Abgrenzungen weiche Kontraste entgegen gesetzt werden.
Mythologie, Jahreszeiten und die Sakura
Die Vielfalt der Motive bei Japan Tattoos kennt keine Grenze. Ob es aus der traditionellen Mythologie Japans mit seiner Unmenge an Sagengestalten kommt, oder dem Prinzip Yin und Yang (Onmyodo), dem Prinzip von Tag und Nacht entlehnt ist. Drachen und Phönix als Gegensatzpaar steckt in allem. Dabei ist eine Einbindung in die Jahreszeiten ebenso präsent wie die Einbindung in die Elemente. Kirschblüten für den Frühling oder fallende farbige Blätter finden sich mit wiederkehrender Beliebtheit. So steht die Kürze der in Perfektion erblühenden Kirschblüte, die Sakura, unter anderem für einen stilvollen, ehrenhaften und jungen Tod der Samurai. Wenn schon von Samurai geredet wird: Ein schier unendliches Füllhorn an Möglichkeiten bietet sich hier.
Die Rüstung der Samurai: Kabuto und Mempō
Nicht nur die Ōyoroi, spezielle Rüstungen für berittene Samurai, sind voller Schönheit. Auch die leichteren Dōmaru, auch Dō-maru, und Haramaki bieten verschiedenste Verzierungen, die die Kunstfertigkeit der Handwerker widerspiegeln. Ganz besonders sind die Mempō, die Halbmasken der Samurai, ebenso wie die Somen, die Vollmasken, von einer faszinierenden Ausarbeitung. Sie werden als „das“ Gesicht der Samurai wahrgenommen und stehen stellvertretend für das Bushido, den Weg des Kriegers. Und nicht zuletzt liefert die Welt der Netsuke, kleiner japanischer Schnitz-Figuren, eine umfangreiche Inspiration, von den Verzierungen der Samurai-Helme, der Kabuto, gar nicht zu reden. Man kann für die Verwendung eines Samurai als Tattoo-Motiv umfangreiche Schätze bergen. Was bin ich froh, dass ich eine umfangreiche Bibliothek mein Eigen nenne.
Zusammenfassung: Technik und Symbolik – Asia Tattoo Archiv
Stilistik: Umfassender Rückblick auf Irezumi (traditionell) bis hin zu Neo-Oriental und experimentellen Ansätzen.
Kulturelle Quellen: Motive entlehnt aus dem Ukiyo-e (Holzschnitt), dem Kabuki- und Nō-Theater sowie den Legenden der Samurai.
Symbolik: Tiefgreifende Bedeutung von Koi, Hannya und Oni, eingebettet in die klassischen Elemente Wind, Wasser und Erde.
Handwerk: Fokus auf die traditionelle Sumi-Stangentusche und den Kontrast zwischen harten Abgrenzungen und weichen Sumi-e Übergängen.
Anatomie: Ausarbeitung großflächiger Konzepte (Bodysuits), die durch offene Wind- und Wasserbars jederzeit erweiterbar bleiben.
