„Was magst du denn, so ganz persönlich? Tiere, Blumen, Belletristik? Welches ist dein Lieblingsessen, wird dabei eher selten gefragt. Denn das würde nur neue Fragen aufwerfen. Wer isst denn schon gerne Tiger? Das sind trotz allem ganz liebe plüschige Kätzchen, auch wenn sie etwas größer sind.“— Raul Beyer, über den kreativen Prozess
Tribal Cover-up Tattoo mit Tiger: Die Kunst der fraktalen Überdeckung
Die Individualität der Individualität: Warum ich Cover-up Tattoos liebe
Habe ich schon mal erwähnt, dass ich es liebe Überdeckungen zu tätowieren? Wenn man mich fragen würde, warum, wäre die Antwort folgende: Jede Überdeckung ist ein absolutes Unikat. Wenn man das Ganze als eine Art fraktale Faltung der Realität sieht, dann ist eine Überdeckung die Individualität der Individualität. Also Individualität in ihrer reinsten Reinform. Denn wenn man das alte Tattoo als grafische Grundlage betrachtet, dann ist jede helle Stelle ein optimaler Bereich für eine Hervorhebung und jede dunkle Stelle ein Bereich für einen Schatten. Die Zusammensetzung von Kontrasten und Kundenwünschen ergibt ein unnachahmliches Tattoo. Vorausgesetzt, es gibt noch helle Bereiche. Wenn nicht, wird es erst richtig kreativ, da man die Hautstruktur völlig neu denken muss.
Mut und Vertrauen: Die Herausforderung konzeptloser Tribal-Altlasten bei einem Tribal Cover-up Tattoo
So wie in diesem speziellen Fall. Tribals waren schon immer ein schwieriges Thema für Überdeckungen. Aber wenn es sich um einen schwarz-grauen Reigen von ziemlicher Konzeptlosigkeit handelt, der jede Form von Struktur vermissen lässt, dann ist nicht nur Kreativität gefragt, sondern vor allem auch eine Menge Mut. Mut von der Trägerin und natürlich ein tiefes Vertrauen in den Tätowierer. Diese Überdeckung hier ist definitiv meine bisher größte zusammenhängende Arbeit dieser Art gewesen. Es handelte sich um einen in mehreren Etappen über Jahre erweiterten und leider völlig verpfuschten Tribal-Rücken. Hier war strategisches Denken nötig, um die unebenen Linien in ein fließendes Gesamtkonzept zu überführen, das die Dynamik des Körpers nutzt und die Dominanz der alten Farbe bricht.
Vom schartigen Steißbein-Tribal zur anatomischen Vision
Bereits das ursprüngliche Steißbein-Tribal war schartig vernarbt und die pseudo-keltischen Hunde waren weder gleichmäßig noch auf selber Höhe angelegt. Oft kommt zu einem kleinen Tattoo ein größeres dazu, schließlich hat man ja schon was da. Das ist oftmals ein schleichender Selbstläufer, und dann hat frau am Ende so etwas am Rücken. Etwas, bei dem jeder normale Mensch, nach Cover-up gefragt sagt: NÖ… da geht mal gar nix mehr. Und dann heutzutage zur Peitsche des Black-out Tattoos greift. Abgesehen davon, dass Black-outs ein Thema für sich sind, mag ich einfach die Herausforderung eines Cover-ups, besonders Tribal Cover-up Tattoo. Es geht darum, das Unmögliche möglich zu machen und vernarbtes Gewebe zu integrieren, harmonisch einfügen.
Motive finden beim Tribal Cover-up Tattoo: Das Tiger-Konzept als Rettungsanker
Ich habe dabei in der Regel echt eine Menge Spaß. Es gibt Tattoos mit Geschichte und Geschichten zu Tattoos. Manchmal kann ich gar nicht mehr sagen, wie das Motiv genau zustande kam. Meist ist es ein „Was-denkst-du“-Fragespiel. Was magst du persönlich? Tiere, Blumen, Belletristik? Welches ist dein Lieblingsessen, wird dabei eher selten gefragt, wer isst schon gerne Tiger? Bei Miriam war die Entscheidung für den Tiger bei diesem großflächigen Rücken die einzig richtige Wahl. Ein Raubtier bietet durch organische Formen und markante Fellmuster die perfekte Grundlage, um unregelmäßige Altlasten zu schlucken. Die Wildheit des Motivs erlaubt es, asymmetrische Stellen des alten Tattoos so zu überlagern, dass sie wie natürliche Schatten wirken und eine völlig neue, eigenständige Ästhetik erzeugen.
Die Einarbeitung: Tigerfell als strategisches Schattenspiel
Man kann das alte vernarbte Tribal mittels Tigerfell und Streifen hervorragend einarbeiten. Da es kaum einengende Vorgaben gab, konnte ich die zu überdeckenden Flächen optimal in die Schattenseite des Tigers integrieren. Die Streifen sind alle in „fellig“ strukturierte Komponenten aufgeteilt, sowie in hellere und dunklere Elemente zerlegt. Um einen Spannungsbogen aufzubauen, soll das Tierchen ja nicht nur einfach hingeklatscht aussehen. Durch die Strukturen entstehen genug optische Ablenkungen, um die Elemente, die nicht komplett unter Schwarz versteckt werden konnten, geschickt mit einzubauen. Diese Technik nutzt die menschliche Wahrnehmung aus, die sich auf Details konzentriert und darunterliegende dunkle Schatten als natürliche Tiefe interpretiert. Es ist ein Spiel mit Licht und Schatten, das die alten Grenzen endgültig auflöst.
Technische Finesse: Farbmischungen und Nuancen gegen Narben
Bei dem Körper handelt es sich um reine Farbe, die Schatten sind durch mehrere komplexe Farbmischungen zustande gekommen, auch im Gesicht des Tigers. Bei den Steinen habe ich mit einer speziellen Weiß-Grau-Mischung gearbeitet, um gezielt von den dunklen Stellen abzulenken. Es hat eine Weile gedauert, aber das Ergebnis war eine echte Steigerung des Lebensgefühls. Entstehungszeitraum war um 2010. Dieses Projekt beweist, dass man selbst bei vernarbten Altlasten durch anatomisches Verständnis ein Ergebnis erzielt, das den alten Makel vergessen lässt. Die Verwendung von Nuancen auf dunklem Grund erfordert Technik, um die Leuchtkraft zu erhalten. Diese Liebe zum Detail ermöglicht monumentale Cover-ups, die auch nach Jahren noch durch Klarheit überzeugen und das Selbstbewusstsein der Trägerin nachhaltig stärken.
Auf einen Blick: Die Fakten zum Tiger-Cover-up
Ausgangslage: Ein großflächig verpfuschter Rücken mit schartig vernarbten Tribals und asymmetrischen Elementen.
Die Vision: Strategische Überdeckung durch ein Tiger-Portrait, um die alte „Konzeptlosigkeit“ in eine organische Struktur zu überführen.
Technik: Nutzung der Tigerstreifen als natürliche Schattenzonen, um tiefschwarze Tribal-Reste ohne „Black-out“ zu schlucken.
Details: Fellstrukturen und Nuancen in Weiß-Grau wurden genutzt, um von Vernarbungen abzulenken und plastische Tiefe zu erzeugen.
Ergebnis: Eine vollständige ästhetische Rettung des Rückens mit einer massiven Steigerung des Lebensgefühls für die Trägerin.
Zeitraum: Das Projekt wurde um 2010 realisiert und markiert einen Meilenstein in meiner Arbeit mit großflächigen Rekonstruktionen.
F.A.Q. – Tribal Cover-ups und großflächige Überdeckungen
Kann jedes alte Tribal-Tattoo mit einem Tiger überdeckt werden? Ein Tiger ist aufgrund seiner Streifen und Fellstruktur eines der besten Motive für Cover-ups. Die dunklen Streifen können gezielt über die massivsten Stellen des alten Tattoos gelegt werden, während hellere Fellpartien zur Ablenkung dienen. Ob es im Einzelfall funktioniert, hängt jedoch von der Sättigung des alten Tattoos und dem Vernarbungsgrad ab.
Was tun, wenn das alte Tattoo stark vernarbt ist (schartiges Gewebe)? Vernarbtes Gewebe nimmt Farbe anders an als gesunde Haut. In solchen Fällen arbeite ich mit speziellen Texturen – wie eben Fell oder Stein – die von der unebenen Hautoberfläche ablenken. Die Struktur des neuen Motivs „schluckt“ die haptischen Unebenheiten der Narben optisch, sodass sie im fertigen Bild kaum noch wahrnehmbar sind.
Ist ein Black-out Tattoo die einzige Alternative bei sehr dunklen Tribals? Ein Black-out ist oft die „Notlösung“, wenn der Tätowierer keine kreative Möglichkeit mehr sieht. Ich betrachte das alte Tattoo jedoch als individuelle Grundlage. Durch kluge Kontrastsetzung und anatomische Planung lässt sich meistens eine motivische Lösung finden, die weit über eine bloße schwarze Fläche hinausgeht.
Wie lange dauert eine so große Überdeckung am Rücken? Ein Projekt dieser Größenordnung (3/4 Rücken) ist ein intensiver Prozess. Da wir hier oft mit komplexen Farbschichten arbeiten müssen, um die alten Pigmente sicher zu überlagern, sind mehrere Sitzungen unumgänglich. Der hier gezeigte Tiger entstand um das Jahr 2010 und zeigt, was durch konsequente Einarbeitung möglich ist.




Interaktives Verstehen:
vor dem Cover-up
Tattoo
Interaktives Verstehen:
nach dem Cover-up
Tattoo
Interaktives Verstehen:
vor dem Cover-up
Tattoo




