Die Subjektivität von Gesichtern im Custom-Tattoo: Symbolik und Ausdruckskraft
Die Philosophie des Gesichts: Schönheit jenseits von Schönheitsidealen im Raum
Gesichter in einem Custom-Tattoo sind ein Thema für sich. Nicht umsonst gibt es den Ausspruch, jemand habe ein Gesicht, das nur eine Mutter lieben könne. Und auch wenn dieser Spruch auf den ersten Blick sehr hart erscheinen mag, beinhaltet er doch eine ungeheure Tiefe. Ich durfte einmal bei einem Aufenthalt in den USA eine indigene Frau kennenlernen, die das Leben gezeichnet hatte – im wahrsten Sinne. Das gesamte Gesicht war zerfurcht, von den tiefen Kratern alter Pocken-Narben gezeichnet. Und auch wenn das die augenscheinlichen, vordergründigen Äußerlichkeiten gewesen sein mögen, so war der hinterbliebene Eindruck doch ein ganz anderer. Unabhängig von der Äußerlichkeit stand eine unvergleichbare Freundlichkeit und Güte im Raum, wenn man mit ihr redete, die ganz maßgeblich in Erinnerung blieb.
Subjektive Wahrnehmung beim Tätowieren: Emotionen und Erwartungen im Porträt
Hätte mich jemand gefragt, wie diese Person denn ausgesehen habe, ich wäre nie auf den Gedanken gekommen zu sagen, dass sie ein hässliches Gesicht gehabt hatte. Denn die Schönheit eines Gesichts ist wohl so subjektiv wie nichts anderes, geprägt von der eigenen Erfahrung, von Erinnerungen und von Begegnungen. Von der Kindheit angefangen, an die keine greifbare Erinnerung besteht, wird sie überholt von Emotionen und oftmals Erwartungen. Und deswegen muss man sich bei dem Tattoo von einem Gesicht immer fragen, was es denn darstellen soll. Soll es Attraktivität transportieren, ein Schönheitsideal, eine Erinnerung an jemanden, Freundlichkeit oder Verständigkeit? Soll es Erfahrung aufgrund von Alter zeigen oder im Wesentlichen aus zwei großen Augen bestehen, die das Weltall widerspiegeln?
Die Motivkomposition am Unterschenkel: Fineline-Ansatz und grafische Elemente
Das Schwarze Loch als Design-Element: Komplexe Symbole im luftigen Tattoo
Auch wenn wir ein schwarzes Loch als grafisches Element am unteren Ende dieses Unterschenkel-Tattoos verwendet haben, sollte es nicht den Augen eines hübschen Gesichts entsprechen. Als vorgegebene Elemente sollten neben einem grundsätzlichen, luftigen Fineline-Ansatz mit in das Bild hinein: ein Baum, ein Serotonin-Molekül, Batteriestandsanzeigen, eine Entscheidungsmatrix, eine Art Leiter oder Stufen und ein Aus-/Einschaltknopf oder Swipe-Schalter. Hinzu kamen Silhouetten von gehenden oder laufenden Männern, eine DNS-Helix, das durch Eins und Null verdeutlichte binäre, dualistische Entscheidungssystem und ein Gesicht. Natürlich integrierten wir all dies neben dem bereits erwähnten schwarzen Loch. Tatsächlich sollte das Gesicht am ehesten einem Container entsprechen, der die verschiedenen komplexen Elemente als Inhalt in sich trägt.
Der Tunnel mit Kindersilhouetten: Perspektivische Optimierung statt Motiv-Stapelung
Eine anfängliche Idee, eine Wendeltreppe mit Silhouetten aus dem schwarzen Loch emporsteigen zu lassen, wurde recht schnell verworfen; es widersprach dem luftigen und offenen Grundsatz. Deswegen schlug ich vor, eine Art Tunnel mit kindlichen Silhouetten zu verwenden. Nach der Vorgabe „luftig und offen“ wurde das schwarze Loch lediglich grafisch unter Verwendung verschiedener Grautöne schematisch dargestellt. Eine der hinteren Gravitationslinien wurde als Stilmittel und Trenner zwischen dem vorderen Teil des Gesichts und dem hinteren Teil des Kopfes mit dem Baum verwendet. Hierbei folgt die Biegung frei der Form der Wade, wodurch sie gleichzeitig die Illusion einer Geraden als auch eine faszinierende Dynamik durch die Biegung hervorruft.
Stippling-Technik an der Wade: Struktur und Substanz durch Schattierung
Das durch Stippling erreichte unterbrochene, offene Erscheinungsbild wurde in dem zum Schienbein orientierten Bereich verstärkt, um dem Gesicht trotz der Offenheit eine gewisse Substanz zu verleihen. Diese Strukturen wurden aufgebrochen durch grafische Trennelemente, die zur hinteren Wade hin perspektivisch verkürzende horizontale Linien bis zur bergig ausgebildeten Horizontlinie ergeben. Um die Form ideal aufzunehmen, wurde zentral an der Stelle einer Wange mittels nach hinten perspektivisch verkleinernden Kreisen der Tunnel mit den Kinder-Silhouetten platziert, welcher als weiterer Trenner fungiert. Für einen größtmöglichen Kontrast wurde die vorderste Silhouette in tiefem Schwarz mit einer schmalen, hautfarbenen Lichtkante ausgeführt. Nach hinten wurde der Kontrast durch die Verwendung von Grauabstufungen reduziert.
Visuelle Täuschung und anatomischer Fluss: Kontraste und Tiefenunschärfe
Tiefenunschärfe durch Graustufen-Staffelung: Räumliche Dimension des Tattoos
Auch wenn die Figuren Außenlinien haben, die sie von der Umgebung klar abgrenzen, erreicht die Staffelung in Graustufen mehrere Effekte. Durch die Selbstähnlichkeit der Figuren wirkt das Setup trotz der grauen Außenlinien diffus und simuliert damit eine meisterhafte Tiefenunschärfe. Auch ergibt sich eine Staffelung, die die Figur mit dem stärksten Kontrast nach vorne, optisch aus dem Tattoo heraus zu schieben scheint. Um die DNS-Helix nicht abrupt enden zu lassen, wurde sie in Andeutung einer Augenpartie weiter zum Hinterkopf geführt, wo sie in den gehirnähnlichen Verästelungen des Baumes endet. Im unteren Teil des DNS-Stranges war der Fokus auf eine weitestgehend durchgehende Schattierung zur Wahrnehmung von Körperlichkeit gelegt worden.
Pepper-Shading und kräftige Konturen: Staffelung der Bildebenen auf der Haut
Durch diese körperliche Darstellung konnte das mittels Pepper-Shading offene und krisselig gestaltete Gesicht unterstützt werden, ähnlich wie die Darstellung auf einem modernen Tablet. Dafür sorgte auch die bis zur Nasenwurzel gehende, kräftige Außenlinie des Gesichtes, denn auch hiermit wird eine gezielte Staffelung der verschiedenen Ebenen erreicht. Zumal die Augenpartie nun anderweitig ausgefüllt war, bot es sich an, anstelle der Säure-Basenpaare einer klassischen DNS prägnante Batterie-Piktogramme einzusetzen. Wenn man bedenkt, dass der Blick auf die eigenen Energieressourcen immer ein subjektiver ist, handelt es sich hierbei um eine durchaus stimmige Allegorie im Custom-Design.
Die Gehirnwindungen des Baumes: Die Entscheidungsmatrix auf der Stirn
Die Serotonin-Moleküle wurden als willkommene Fortsetzung der an Gehirnwindungen erinnernden Äste und Zweige des Baumes in das Gesamtkunstwerk integriert. Auch konnte dadurch die Horizontlinie durch Integration der Moleküle mit einer Bergkette dargestellt werden. Der Baum wurde oberhalb der Horizontlinie dunkel abgesetzt und innerhalb des Baumstammes durch eine hautfarbene Weiterführung unterbrochen und aufgelockert. Um das neuronale Zentrum für bewusste Entscheidungen im Design klar zu symbolisieren, wurde zu guter Letzt noch ein markanter Türrahmen direkt an die Stirn des Gesichtes gesetzt. Dieser wurde mit perspektivisch nach hinten verkleinernden Zahlen versehen, was dem Betrachter den Blick in eine unendliche, mathematische Entscheidungsmatrix eröffnet.







