Der ehrliche Weg zum Cover-up, der Werbehype um Cover-up-Tattoos

Der Begriff Cover-up-Tattoo ist ein sehr gerne und vielfach verwendeter Teaser, um gezielt Kundschaft anzusprechen. Dabei gibt es in diesem Feld der Überdeckung mittlerweile viele verschiedene neue Stile, wie zum Beispiel ein Blast-over. Hierbei wird mit eindimensionalen Designs und dicken schwarzen Linien sowie Flächen rücksichtslos über alte Motive gegangen.

Das Störgefühl unfertiger Blast-over-Tattoos

Ob dabei tatsächlich, wie manchmal angepriesen, ein einzigartiges kreatives Tattoo entsteht, kann diskutiert werden. Denn die Frage, ob der Träger oder die Trägerin des Tattoos in den durchscheinenden Elementen des alten Tattoos auf Dauer eine Bereicherung sieht, oder ob es später zu einem Störgefühl kommt, kann nur durch zeitliche Distanz beantwortet werden. Und durch die erfahrungsgemäß von Außenstehenden immer wieder zu hörende Aussage, dass das Tattoo doch noch nicht fertig sei und wann es denn fertiggemacht würde.

Kontrastverlust und Probleme mit vernarbter Haut

Insbesondere, weil nicht nur die anfänglich mit dunklen schwarzen Flächen aufwartenden Tattoos im Laufe der Zeit ebenso an Intensität nachlassen, sondern sich der Kontrast zu den nicht überdeckten Flächen reduziert und die Dunkelheit der alten Arbeiten verstärkt durchschlägt. Von alten vernarbten Hautarealen gar nicht zu reden, denn im Fall von vernarbten Linien mag es möglich sein, dass diese zwar niedriger werden durch wiederholtes Überarbeiten, dennoch bilden sie in der Regel eine aufgeworfene Erhebung, an der Lichtreflexionen entstehen können.

Eine Blast-over-Anekdote aus der Münchener Tattoo-Szene

In meiner Anfangszeit gab es hier in München den Fall von einem Tätowierer, der über das Tattoo eines zu diesem Zeitpunkt bereits weltberühmten Kollegen mit den Linien seines Designs rübergegangen war und meinte, der Träger solle sich die überstochenen Elemente nun weglasern lassen. Wenn man in seiner Wortfindung kreativ sein mag, wäre das schon damals ein Blast-over gewesen. Effektiv war das wohl eher ein Fall von „I don’t give a fuck, ich bin der letzte Hund an diesem Baum gewesen“. Und diesen Eindruck könnte man bekommen, wenn man sich moderne Blast-over-Tattoos anschaut.

Die Wahrheit über Blast-over und Blackout-Styles

Eine Integration alter Elemente ist nach der Definition geradezu nicht gewollt und das Argument, dass damit das Andenken an das alte Tattoo gewahrt würde, überzeugt nicht. Vielmehr erscheint es als einfache Methodik, mittels geeigneter Argumentation und möglichst wenig Aufwand seitens des Tätowierers Arbeiten abzuliefern, weil das Verständnis für eine komplexe Überdeckung fehlt. Denn ein Custom Tattoo, eine individuelle Anpassung eines Tattoos an die vorhandenen Gegebenheiten ist aufwändig und braucht letztendlich Verständnis. Das gilt für ein Covver up Tattoo. Das gilt für die Integration von alten Tattoos. Verständnis von der Materie, Verständnis von Anatomie. Denn letztendlich ist ein Blast-over bei genauer Betrachtung nur eine Variante eines Blackout-Tattoos. Beim Blackout-Tattoo werden komplette Körperpartien einfach starr schwarz gefärbt.

Biologische Grenzen der Haut beim Nachstechen

Die Gefahr sowohl bei Blast-over- als auch bei Blackout-Tattoos ist durch die großflächige Verwendung von schwarzer Farbe sowohl ein fleckiges Endergebnis als auch eine farbliche Verlagerung ins Bläuliche. Und jede Argumentation, dass man solche Tattoos ja irgendwann noch mal nachstechen könne, entbehrt den biologischen Grundlagen. Die Haut hat ihre Aufnahmekapazitäten. Jede Überarbeitung bedeutet eine neue Verletzung mitsamt der Möglichkeit der Vernarbung. Und gegenteilig kann Farbe aus einem bestehenden Tattoo beim Nachstechen sogar ausgeschwemmt werden. Dabei wird der zeitliche Aufwand für den Tätowierungsprozess gar nicht berücksichtigt.

Das Konzept der integrativen Tattoo-Überdeckung

Für jemanden, der alte Tattoos oder Teile davon bewahren will, ist das wahre Stichwort die Integration von alten Motiven. In diesem Fall wurde ich mit gleich zwei Tattoos konfrontiert. Beide waren nicht unbedingt klein, was möglicherweise den ca. 140 Kilo Kampfgewicht von Joachim geschuldet war. Und gleichzeitig waren sie nicht so groß, dass sie komplette Körper-Areale in Anspruch genommen hätten. Trotzdem waren sie in dem Sinne von der Anatomie her strategisch schlecht platziert.

Motivwahl: Der Tod im Auge des Totenkopfs

Soweit ich mich erinnere, war der ursprüngliche Ansatz, den Tod mit einer Sanduhr in der Hand am unteren Teil des Deltamuskels zu überdecken. Als Motiv sollte ein Totenkopf mit der Zahl 666 auf der Stirn eingeprägt herhalten. Nun gibt es ja den Spruch „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“. Und nachdem so ein Totenschädel selten noch die Schönheit der Welt bewundern kann, ist es nur sinnig zu behaupten, dass der Tod im Auge eines Schädels liegt.

Anatomische Vorgaben und die richtige Tattoo-Dimension

Um das Hauptmotiv herum sollten Elemente von Bioorganik angeordnet werden. Trotz dem durchaus beachtlichen Oberarm von Joe waren hier Grenzen, die nicht nur durch die bereits bestehenden Motive, sondern natürlich auch durch die Anatomie vorgegeben waren. Und durch den Umstand, dass es durchaus irritierend ist, wenn ein Tattoo in seiner Dimension nicht der Statur eines so stattlichen Mannes entspricht.

Die anatomische Anpassung des Schädels am Muskel

Da der alte Gevatter Tod im Großen und Ganzen doch ziemlich dunkel war, schlug ich vor, ihn zu belassen, teilweise nachzuarbeiten und ihn in die Augenhöhle eines massiven, von der Schulter bis unter den Ellbogen reichenden Totenschädels zu integrieren. Dabei sollte der natürliche Ansatz und Schwung des Musculus brachioradialis für den Oberkiefer von den Zähnen bis zum Austrittspunkt des Trigeminus am Jochbein genutzt werden, sowie das Jochbein selbst durch den vorderen Teil des Trizeps geformt werden. Die Summe der Einzelteile formt bei einem Tattoo durch geschickte Ausnutzung der Anatomie immer mehr als das gesamte darzustellende Motiv.

Bioorganik als fließender Rahmen für das Motiv

Da es sich um einen Totenkopf handeln würde, der mit Einbeziehung der Stirn den körperlichen Rahmen sprengen würde – von dem vorderen Jochbein und der Augenhöhle ganz zu schweigen –, wurden Fetzen von Bioorganik in vergleichsweise einfacher, heller Ausführung als gestalterisches Element gleich einem Rahmen verwendet. Dadurch wird nicht nur ein fließendes Element erreicht, sondern die verborgenen Teile werden bei der Betrachtung vom Gehirn automatisch „weitergedacht“.

Dreidimensionale Effekte und Platzierung der Eule

Da nun aber der Platz auf der Stirn des Totenschädels recht begrenzt war, gestaltete ich die Zahl 666 schwebend, quasi dreidimensional, was durch den bestehenden Schattenfall der Bioorganik zu einem surrealen Touch führt. Eben dieser Schattenfall wurde nach unten zu der Eule hin aufgelöst, da die Eule im Schatten des Totenkopfs zum Liegen kam und auf der vorderen Seite das bestehende Tattoo vom Unterarm als natürliche Begrenzung hatte.

Australien-Hommage: Didgeridoo und klare Konturen

Insbesondere, da noch ein Didgeridoo in dem Tattoo integriert sein sollte, als Hommage an eine beeindruckende Urlaubsreise nach Australien, musste auch die Eule entsprechend der gewaltigen Größe des Totenkopfes ausgestaltet werden. Um diesen Part des Tattoos optisch klarer zu gestalten, wurde bewusst auf die schweren Schatten-Elemente verzichtet. Und irgendeinen Tod muss man nun einmal sterben.

Fazit: Nachhaltige Tattoo-Kunst statt kurzlebiger Trends

Wenn durch diese professionelle Methode alte Tattoos harmonisch verbunden werden können, wieso dann ein Blast-over? Nur weil es einen Trend gibt? Es gab schon einige Trends beim Tätowieren. Zu späteren Zeiten wurden diese Trends dann als Tramp-Stamp oder Arschgeweih oder anderes verunglimpft. Oder eben im Alltag mit frequenten Fragen begrüßt, wann denn das Tattoo endlich mal fertiggemacht werden würde.

Zusammenfassung: Technik und Symbolik – Integratives Totenschädel Tattoo

  • Stilistik & Design: Kombination aus monumentalem Realismus (Totenkopf) und komplexer Motiv-Integration zur Rettung anatomisch schlecht platzierter Alttattoos.

  • Anatomische Integration: Platzierung auf dem wuchtigen Oberarm (ca. 140 kg Kampfgewicht); Nutzung des Musculus brachioradialis für den Oberkiefer und des Trizeps zur plastischen Formung des Jochbeins.

  • Symbolik: Dualität von Vergänglichkeit und Erinnerung; Einbindung der mystischen Zahl „666“ sowie eine persönliche Hommage an eine Australienreise durch das Didgeridoo- und Eulen-Motiv.

  • Kreative Lösung: Der alte, sehr dunkle Gevatter Tod wurde nicht stumpf überstochen, sondern als detailreiches Sub-Motiv direkt in die Augenhöhle des neuen Riesenschädels integriert („Der Tod liegt im Auge des Schädels“).

  • Handwerkliche Finesse: Fetzen von Bioorganik in heller, kontrastreicher Ausführung dienen als gestalterischer Rahmen, wodurch die den physischen Rahmen sprengenden Teile des Schädels beim Betrachten virtuell „weitergedacht“ werden.

  • Projekt-Historie: Technisch anspruchsvolles Integrationsprojekt für Joachim (Joe); Überführung von unvorteilhaften Altlasten in ein fließendes, maßgeschneidertes Gesamtkunstwerk abseits kurzlebiger Trends.

F.A.Q. – Integrative Cover-ups und anatomische Designs

Warum wurde hier kein einfaches „Blast-over“ oder „Blackout“ Tattoo gemacht? Ein Blast-over oder Blackout wird oft aus mangelndem Verständnis für komplexe Überdeckungen gewählt. Großflächiges Schwarz verliert im Laufe der Zeit an Intensität, wird fleckig oder schlägt bläulich um, wodurch die alten Motive wieder unschön durchbrechen. Die integrative Methode bettet die Altlasten stattdessen harmonisch ein und schont das Gewebe.

Kann man vernarbte Hautareale durch wiederholtes Tätowieren einfach glätten? Vernarbte Linien der Alttattoos bilden in der Regel aufgeworfene Erhebungen in der Haut, an denen störende Lichtreflexionen entstehen. Durch wiederholtes Überarbeiten können sie zwar flacher werden, das Gewebe bleibt jedoch verändert. Bei diesem Projekt wurden die hellen Strukturen der Bioorganik so platziert, dass sie bestehende Narbenerhebungen optisch perfekt kaschieren.

Wie verhält sich die Aufnahmekapazität der Haut bei großen, dunklen Projekten? Die menschliche Haut hat biologisch begrenzte Kapazitäten für Farbpigmente. Jedes erneute Überarbeiten bedeutet ein neues Gewebetrauma mitsamt Vernarbungsrisiko. Wird zu viel Farbe in bereits gesättigte Schichten gepresst, kann die Tätowiernadel die alte Farbe beim Nachstechen sogar ausschwemmen, was zu permanentem Kontrastverlust führt.