Biomechanik ohne Grenzen: Stuttgart – München
„Wenn ein Kunde die Reise von Stuttgart nach München antritt, geht es nicht mehr um bloße Distanzen. Es geht um die Übersetzung eines maschinisierten Molochs auf die Dynamik der Haut – ein Handwerk, das keine Kompromisse duldet.“
— Raul Beyer über die Giger-Hommage und überregionale Expertise
Giger Biomechanik: Wenn der Luftpinsel auf die Tätowiernadel trifft
H.R. Giger – Der Gottvater der Biomechanik
H.R. Giger, der Gottvater der Biomechanik, ist im Tattoobereich ein immer wieder gerne imitierter Künstler. Doch wenn ich mich mit einem solchen Wunsch konfrontiert sehe, muss ich Vorstellungen oft gerade rücken. Denn eine Giger-Biomechanik geht nicht so, wie sie auf den Leinwänden verewigt wurde. Verwechseln wir bitte nicht Äpfel mit Birnen. Erstens waren Gigers Werke tatsächlich Leinwände gewisser Größe. Zweitens war das Malwerkzeug der Wahl der Airbrush – oder wie er ihn nannte: der Luftpinsel. Giger erstellte seine Kompositionen regelmäßig mit Schablonen, um durchscheinende Effekte durch variierenden Luftdruck zu generieren. So etwas mit einer Tätowierung zu erreichen, ist per se unmöglich, da man hier eher dem Grundsatz „Nass-in-Nass“ folgt.
Die New York City Serie: Ein maschinisierter Moloch
Die Farbe unter der Haut hat ihre eigene Dynamik; sie bewegt sich im Laufe der Zeit. Vielleicht ein wenig wie New York, der Moloch. Im Zusammenhang mit der Oscarverleihung für Gigers Breakthrough „Alien“ wurde der Zyklus „New York City“ (1980/81) geschaffen. Eine Sammlung von 28 Werken – eine Hommage an die Stadt, die ihn seit seiner Kindheit faszinierte. Bizarr, mechanisch, ein organisch funktioneller Moloch. Mit einem dieser Werke, „New York City XI“, sollte ich Herrn Larch beglücken. Ich musste ihn enttäuschen: Ich bin kein Magier, der Giger Biomechanik in Originaldimensionen auf einen Körperteil projizieren kann. Was ich ihm bieten konnte, war eine auszugsweise Umsetzung des 2014 verstorbenen Künstlers am Unterarm.
Fluss vs. Statik: Die Anatomie des Unterarms
Der Unterarm wird wesentlich durch den Musculus brachioradialis und extensor carpi radialis longus bestimmt. Diese Muskeln werden am Ellbogen gekreuzt und überlagert. Einen solchen Muskelbauch gerade anzuschneiden, resultiert oft in Verzerrungen – nicht nur wegen des Schattens, sondern auch durch die Dynamik der Ellen-Speichen-Drehung. Es gibt nur im optimalen Fall eine gerade Linie. Und genau das ist das Problem: Die Serie „New York City“ ist geprägt von geraden, statischen Elementen. Wesentliches Element bei „New York City XI“ ist ein Totenkopf, der aus Fragmenten von Leitungen und Zahnstangen gebildet wird. Diesen Totenkopf als Essenz der Arbeit Gigers aufzugreifen, war der ausdrückliche Kundenwunsch.
Von der Skizze zur fraktalen Wirbelsäule
Der Kunde kam extra aus Stuttgart nach München angereist. Da ich kein Magier mit Zauberstab bin, holte ich erst einmal den Stift raus und fabrizierte die obligatorische Skizze direkt auf den Unterarm, gefolgt von Skizzen am PC. Mein Vorschlag: Neben dem erwähnten Schädel setzen wir eine Wiederholung desselben in einer an eine Wirbelsäule erinnernden Kolumne um – fast schon als Fraktale, wenn auch nicht streng in der Fortsetzung. In dieser Kolumne sind die Augen jedes Schädels gleichzeitig unter den Jochbeinen des darüber angelegten Schädels angeordnet. Am Übergang zum Oberarm wurde die Kolumne in blockige Elemente überführt, um eine spätere Integration in den Bizeps zu ermöglichen.
Alien Biomechanik: Das süße Etwas aus dem Ei
Diese Elemente überlagern zum Teil den Original-Schädel, was es mir ermöglichte, an diesem neuralgischen Punkt gerade und geschwungene Elemente zu vereinigen. Durch den Übergang in die Kolumne konnte ich den statischen Teil an die Elle setzen und zwei Grundprinzipien kombinieren. Und für alle, die das „Schlaubi-Schlumpf-Gequatsche“ bis hierhin durchgehalten haben: Jetzt kommen wir zu dem, was wir an der Biomechanik so mögen – das kleine, süße, aus dem Ei hüpfende Alien. Keine Giger-Biomechanik ohne Alien! Am Innenarm war neben dem ganzen „Gefiesel“ noch Platz für etwas Grobes. Und was gibt es Gröberes als ein Alien, selbst wenn es gerade erst aus dem Ei schlüpft?
Abschluss und fotografische Revision
Abschließend muss ich sagen, dass ich froh über die Möglichkeiten der modernen Fotografie bin. Durch die Distanz nach Stuttgart hatte ich leider nicht die Gelegenheit für eine spätere Fotosession nach diesem Giger Biomechanik Tattoo; die Bilder entstanden direkt bei der letzten Sitzung. Die Umsetzung einer Giger-Hommage auf der menschlichen Anatomie bleibt eine der größten Herausforderungen – man muss den Geist des Meisters einfangen, ohne die Gesetze der Haut und der Muskelbewegung zu ignorieren. Das Ergebnis am Unterarm ist eine biomechanische Struktur, die den statischen Charme von Gigers Biomechanik New York Serie mit der notwendigen Dynamik eines Körperteils verbindet.
Zusammenfassung: Dieses Projekt am Unterarm ist eine Hommage an H.R. Gigers „New York City XI“. Die Herausforderung lag in der Übersetzung von Gigers statischen Airbrush-Werken auf die dynamische Anatomie des Unterarms. Durch eine fraktale Anordnung von Totenköpfen in Form einer Wirbelsäule und die Integration eines klassischen Alien-Motivs wurde ein Design geschaffen, das trotz der statischen Vorlage fließend mit der Armmuskulatur interagiert.
F.A.Q.
Warum kann man Giger-Bilder nicht 1:1 tätowieren? Giger nutzte Airbrush und Schablonen auf großen Leinwänden. Diese weichen, durchscheinenden Effekte lassen sich auf Haut, die sich bewegt und altert, technisch nicht identisch nachbilden. Eine Tätowierung folgt anderen Gesetzen der Farbsättigung.
Wie wurde die Verzerrung am Unterarm verhindert? Indem neuralgische Punkte (Muskelbäuche) mit blockigen Elementen und geschwungenen Verläufen überlagert wurden. So konnten die eigentlich geraden Strukturen der Vorlage so platziert werden, dass sie bei Armdrehungen nicht unvorteilhaft wirken.
Was hat es mit der „fraktalen Kolumne“ auf sich? Anstatt nur einen Schädel zu zeigen, wurde das Motiv vertikal wiederholt. Die Augenhöhlen verschmelzen mit den Jochbeinen des nächsten Schädels, was eine biomechanische Wirbelsäulen-Optik erzeugt und den Arm optisch streckt.







