Anatomie & Illusion

„Ich bekam das visualisierte Armfrisur-Monster leider nicht dazu, aus meinem Kopf auszuziehen, geschweige denn mir Miete zu zahlen. Also fragte ich: Wat meenste, da kriegste Locken?“

— Raul Beyer über die Dynamik der Krakenarme

Raven King Tattoo: Von englischer Magie zu den Tentakeln des Kraken

Die Ausgangslage: Wenn der Fenrir Wolf Platz beansprucht

Dieses Tattoo zeigt wunderbar, wie es möglich ist, einzelne Elemente eines Tattoos so zu gestalten, dass sie später erweitert werden können. Dafür muss man manchmal etwas ungewöhnliche Wege gehen, aber genau das macht das Ganze ja aus. Auf dem Rücken hatten wir bereits ein Tattoo ausgeführt, dessen Form für das neue Projekt richtungsbestimmend sein sollte. Der Fenrir Wolf – ein ornamentalisch ausgearbeitetes Knotenwerk Tattoo –, den ich mit der maximalen Breite des Rückens angesetzt hatte, so dass er partiell auf dem hinteren Deltamuskel lag, sollte nun Gesellschaft bekommen. Und nachdem dieses Tattoo bereits in den hinteren Oberarm hineinragte, war die Wunschsituation nicht das, was man als Wunschkonzert betiteln konnte. Das unterschied sich wie Kopf und Fuß.

Literarische Inspiration: Der Raven King und die englische Magie

Inspiriert von dem Roman „Jonathan Strange & Mr. Norrell“ von Susanna Clarke kam das Thema des Raven King auf. In diesem Roman ist der Raven King eine Figur alter Zeit, der als Kind von dem Feenvolk entführt worden war und später der König Nordenglands wurde. Als elementarer Schaffer der englischen Magie steht er zentral in Referenz zu den Hauptakteuren, die ein Zeitalter der Wiedergeburt der englischen Magie einleiten sollen. Um diesem Leitbild zu entsprechen, sollte nun eben dieser Raven King seinen Platz auf dem Arm finden. Ich bin ja immer etwas irritiert, wenn jemand mit einer Figur aus einem Roman an mich herantritt. Denn eine solche Figur ist oft eine eigentlich gesichtslose Entität.

Die anatomische Lösung: Der Schädel im Gegenlicht

Einer solchen Figur ein Gesicht zu verleihen, mit dem Wissen, dass jeder den Zusammenhang begreift, halte ich für ausgesprochen schwierig. Aber ich konnte beruhigt aufatmen, als mir mitgeteilt wurde, dass das wortgemäß ein Rabenschädel in seiner skelettierten Form sein solle, mit einer Krone, um den „King“-Teil zu verdeutlichen. Soweit, so gut – das änderte jedoch nichts daran, dass ich im Platz beschränkt war. Ich drehte und wendete das Motiv und kam schließlich auf die Ausführung, den knöchernen Skelett-Schädel eines Rabens nicht von oben nach unten, sondern exakt entgegengesetzt, von unten nach oben schauend, zu platzieren. Denn somit wurde die Form des vorderen Deltamuskels wunderschön aufgenommen und der reduzierte Platz fiel nicht mehr ins Gewicht.

Details und Kontraste: Krone, Efeu und Hornspitze

Nachdem der skelettierte Rabe über seine knochige Eigenschaft mit dem von Dunkelgrau ins Schwarze gehend abgesetzten Schnabel auch noch eine Krone tragen sollte, konnte diese partiell in den Unterarm, auf dem Musculus brachioradialis, gesetzt werden. Eigentlich ist die Form eher angenähert die eines Diadems oder Tiara; eine Krone, wie sie vom Adel getragen wird, ist ja eher voluminös und nicht das, was man als filigran bezeichnen könnte. Die knöchernen Strukturen des Rabenschädels wurden unterlegt mit Efeublättern, die flächendeckend, übereinander und nebeneinander gestapelt und gewellt den Hintergrund bilden sollten. Um die Knochenstrukturen hell gestalten zu können, wurde die Hornspitze des Schnabels als Kontrast dunkel gesetzt, was die Stimmung ins Getragene lenkt.

Die Erweiterung: China Miévilles Kraken-Vision

Durch die gewellte Form der Blätter entsteht eine lockere Schichtung, die Leichtigkeit vermittelt. Als dieses Projekt fertig war, ging es dann auch gleich an die Erweiterung. Ein weiterer Roman, in diesem Fall des britischen Autors China Miéville mit dem Titel „Kraken“, war die Inspiration, nunmehr über den Unterarm Krakenarme laufen zu lassen. Das Problem bei Krakenarmen auf dem Unterarm wäre jedoch sehr schnell in einen „haarigen“ Unterarm ausgeartet. Hätte man die Arme genommen und sie lediglich der Länge nach den Arm runtergleiten lassen, hätte das im Ergebnis keinen ansprechenden Charakter gehabt. Unterarme sind kein Krakenterrain, rein biologisch und auch sonstwie logisch nicht – da musste eine andere Lösung her.

Dynamik der Tentakel: Muskelverläufe und Dreidimensionalität

Ich habe jede mir sich bietende Biegung und Wölbung, generiert durch Muskelbäuche und Muskelverläufe am Unterarm, in Anspruch genommen, um eine schier unzählbare Menge an Krakenarmen (natürlich sind es acht) zu schaffen. Diese überlappen sich, verdrehen sich und täuschen durch die Kombination von Hell-Dunkel-Elementen eine Dreidimensionalität vor. Diese werden ergänzt durch tiefe Bereiche, wobei sie sich wellenartig gegenseitig ablösen, umarmen und unterstützen. Sie erwecken den Eindruck, aus der Tiefe nach vorne zu schnellen – dynamisch, mit den für Tintenfischarme charakteristischen Spiralen und Kringeln. Es ging darum, die Statik des Arms aufzubrechen und die Tentakel organisch mit der Bewegung des Trägers verschmelzen zu lassen.

Das Fazit: Von Armfrisur-Monstern und Locken

Und um bei dem vorherigen Thema der Haare zu bleiben – ich musste zugeben, ich bekam das visualisierte Armfrisur-Monster leider nicht dazu, aus meinem Kopf auszuziehen, geschweige denn mir Miete zu zahlen. So war meine Frage an Ellie, als ich mir die ersten Gedanken zurechtgelegt hatte: „Wat meenste, da kriegste Locken?“ Das Ergebnis ist jedoch alles andere als ein Monster; es ist eine fließende Geschichte, die zeigt, dass die Divergenz zwischen zwei literarischen Welten und der menschlichen Anatomie auf der Haut zu einer harmonischen Einheit finden kann. Der Raven King blickt nun stolz über ein Meer aus Tentakeln, die den Arm in ständiger Bewegung halten.

2. Zusammenfassung: Literarische Magie und Kraken-Dynamik

  • Der Kern: Eine komplexe Erweiterung eines bestehenden Rücken-Tattoos (Fenrir Wolf), die den vorderen Deltamuskel und den gesamten Unterarm einbezieht.

  • Die Inspiration: Literarische Welten von Susanna Clarke (Raven King) und China Miéville (Kraken).

  • Die Lösung: Eine invertierte Platzierung des Rabenschädels, um den begrenzten Platz am Oberarm anatomisch optimal zu nutzen.

  • Die Technik: Verzicht auf statische Verläufe zugunsten einer dreidimensionalen Schichtung der Krakenarme, die den natürlichen Muskelbäuchen des Unterarms folgen.

  • Das Ergebnis: Eine fließende Verbindung aus skelettierten Strukturen, organischem Efeu und dynamischen Tentakeln, die jede Bewegung des Arms mitmacht.

F.A.Q. 

Wie wurde der Rabenschädel an den bereits tätowierten Arm angepasst? Da der Fenrir Wolf auf dem Rücken bereits Platz am hinteren Oberarm beanspruchte, haben wir den Rabenschädel „verkehrt herum“ platziert. Er schaut von unten nach oben. Diese unkonventionelle Ausrichtung nutzt die Wölbung des Deltamuskels ideal aus und schafft eine harmonische Verbindung zum restlichen Arm, ohne gequetscht zu wirken.

Warum wirken die Krakenarme am Unterarm so plastisch? Anstatt die Tentakel einfach der Länge nach über den Arm zu legen – was optisch eher an eine Behaarung erinnert hätte –, folgen sie den individuellen Muskelverläufen. Durch das gezielte Spiel mit Hell-Dunkel-Kontrasten und sich überlappenden Windungen entsteht eine echte Dreidimensionalität, die den Eindruck erweckt, die Arme kämen direkt aus der Tiefe.

Welche Rolle spielt die Hornspitze des Schnabels für das Design? Die Hornspitze wurde bewusst dunkel gesetzt, um einen harten Kontrast zu den hell gestalteten Knochenstrukturen des Skelett-Rabens zu schaffen. Zusammen mit dem im Hintergrund geschichteten Efeu sorgt dieser Kontrast dafür, dass das Motiv trotz der düsteren Thematik eine visuelle Leichtigkeit behält.

Wie geht man mit „gesichtslosen“ literarischen Vorlagen um? Figuren aus Romanen wie dem Raven King sind oft abstrakte Entitäten. Die Herausforderung besteht darin, ein Symbol zu finden – hier den skelettierten Schädel mit Diadem –, das den Kern der Erzählung trifft, ohne den individuellen Spielraum des Betrachters einzuschränken. Es ist eine visuelle Übersetzung von Text in Haut.

Raven King Tattoo von Roald Beyer: Biomechanik-Konzept mit Rabenschädel, Efeu-Tentakeln und Saugnäpfen (Suckers) am Oberarm, gestochen im Tattoostudio Hits for Life in Taufkirchen bei München