Wenn man bei Flo den Gedanken ansetzt, dass seine Tattoos ein in mehreren Phasen angesetztes Gesamtprojekt sind, dann muss ich zugeben, dass mich dieser Teil des Projektes ein wenig irritiert hat. Nichts gegen ein bisschen Irritation, das bin ich von Flo durchaus gewohnt. Irritation ist eigentlich eine immer neu aufbereitete Bereicherung in unserer Beziehung. Egal, was man unter Irritation verstehen mag, es handelt sich bei dieser Irritation um einen Reiz, eine Stimulierung. Oder auch um eine Provokation. Und nun kann man sich im Kreis drehen, denn ein jeder dieser Begriffe kann negativ besetzt werden. Aber das ist nicht der Fall. Nennen wir es also ein gewisses kreatives Kitzeln, mit dem mich Flo getriggert hat.

Das Paradoxon der geraden Linie im Fall schräge Biomechanik

Denn dadurch kamen Elemente zustande, die in sich einzigartig sind und die, jedes für sich, eine eigene Epoche meines Schaffens charakterisiert haben. Die Irritation bei diesem Projekt lag ganz wesentlich in der anatomischen Vorgabe: von der linken Schulter quer über den Brustkorb auf die rechte Hüfte, in einer soweit möglich geraden Linie. Als Stilrichtung Biomechanik. Man muss sich nicht viele Brustkörbe angeschaut haben, um zu dem Punkt zu gelangen: Gerade ist da nichts. Angefangen bei dem Übergang des Brustkorbs am Schwertfortsatz zu den Rippenbögen, über den Übergang des Brustkorbs zur Hüfte/Becken mittels mehr oder weniger stark ausgeprägter Falte. Und das ist nur die anatomische Grundlage, in Bezug auf das Skelett

Anatomische Realität gegen planerische Geometrie

Da sind noch nicht einmal die individuellen Muskelverläufe und Ausprägungen mit berücksichtigt bei diesem Brust Tattoo. Und deswegen kann da auch nichts gerade werden. Aber grundsätzlich wollte ich mich dem Gedanken nicht kategorisch verwehren oder verschließen. Und so machten wir unsere altbewährte anatomische Skizze direkt auf dem Brustkorb, die ich danach abzog. Auf der rechten Brust war das Tattoo eines Kollegen in der Vergangenheit bereits auf den rechten Arm erweitert worden. Und auch auf den rechten Rippen hatten wir beide bereits Spuren hinterlassen. Und gerade deswegen war es umso wichtiger, die Form eines anatomischen Störers von links oben nach rechts unten in einem planerischen Element zu betonieren.

Die geometrische Konstruktion des Fluchtpunkts für die schräge Biomechanik

Denn auch auf der rechten Brustkorb-Seite war bereits ein Tattoo, was berücksichtigt werden musste. Just for fun stelle ich mal ein paar der Stages der Entstehung als Screenshots mit rein. Als Erstes musste die grundsätzliche Form berücksichtigt werden. Dafür setzte ich einen gedachten Fluchtpunkt ca. 2 Meter über der linken Schulter, der das linke Hüfttattoo tangierte und den ursprünglichen Gedanken einer Linie von Schulterdach zur Hüfte modifizierte. Der weitere Grundgedanke, auf den ich meine Ausarbeitung fußen lassen wollte, waren verbundene Elemente, gleich gefalteter Gelenke. Wenn man so will, die Form eines zusammengefalteten Flügels, von hinten gesehen. Oder auch, in Anlehnung, die vorderen Gliedmaßen einer Fangschrecke.

Das Gedankenspiel der Escher-Tesselation

Flo ist, genauso wie ich, ein ziemlicher Fan der Werke von M.C. Escher. Und unter anderen Umständen wäre es bestimmt ein tolles Spielfeld für eine Tesselation geworden. Wenn ein definiertes geometrisches Element mittels Herauslösen von Elementen, Drehung und Verschiebung (Translation) auf eine definierte (gegenüberliegende) Seite erweitert wird, können damit unendliche Muster aufgebaut werden, die bei Betrachtung hypnotisch wirken. Und auch wenn man bei sehr freier Betrachtung sagen könnte, dass ein planerisches Element im Großen mit eingeflossen wäre, im Kleinen wurde das nicht angesetzt. Hier war unser Gedanke ein anderer. Ich ging gedanklich weiter von dem gefalteten Glieder-Element aus, den Schwertfortsatz als Kipppunkt.

Die Fledermaus-Analogie als Störelement

Deswegen wurden in der Vertikalen Fortsätze für die schräge Biomechanik angesetzt. Wenn man die Flügel-Analogie bedienen möchte, ähnlich den Fingern eines Fledermausflügels. Sie sollten mehreren Zielen für die schräge Biomechanik dienen: Eine Aufbrechung der faktisch unmöglichen Diagonale durch Ableitung nach unten. In dem Sinne als aufbrechende Stör-Elemente. Die nach unten in helleres Grau schemenhaft auslaufenden Strukturen bewirken eine Offenheit, die für sich allein stehen kann, aber auch im Bedarfsfall weitergeführt werden kann. Gleichzeitig bleibt die Illusion einer geraden diagonalen Abgrenzung weitestgehend erhalten. Darüber hinaus eine Weiterführung der von der Schulter bis zum Schwertfortsatz gehenden Rohrleitung, die bis dahin in einem gewissen Rahmen gerade gestaltet werden konnte. Diese wäre bei Übergang auf den Rippenbogen jedoch verzerrt worden.

Strömungsdynamik am Schwertfortsatz: Die Venturi-Düse

Eine Staffelung der einzelnen Rippenelemente nach hinten, um auf der am Schwertfortsatz sehr schmalen Fläche durch Verjüngung und Verbreiterung eine perspektivische Dynamik zu generieren. Weißt du, was eine Venturi-Düse ist? Bei einer Venturi-Düse wird durch Verengung der Leitung der Druck in dem Bereich erhöht, das Medium komprimiert, die Geschwindigkeit ebenfalls erhöht. Und z. B. in der Getränkeindustrie wird dadurch Gas, konkret Kohlendioxid, in die Flüssigkeit eingebracht. In dem Fall reißen wir durch die Verengung am Schwertfortsatz mit und schaffen durch die Verbreiterung auf dem Rippenbogen Verwirbelungen, die dort dynamisch fließen. Ich durfte bei Recherchen für einen an ein Biomechanik-Projekt angrenzenden Koi die an Biomechanik erinnernde Schönheit von Fluiddynamik fotografieren.

Missverständnisse und der architektonische Subtext

Und wenn Biomechanik fließen kann, was gibt es Schöneres? Kommunikatives Bemühen ist etwas sehr Schönes. Als ich den Grundsatz des Flügelelements nahelegte, kam es zu einem dezenten Protest. Denn ein Flügel auf der Brust? Das war nicht der vordergründige Wunsch gewesen. Mit Flügeln werden regelmäßig Sachen assoziiert, die man entweder mag. So wie Vögel, Schmetterlinge oder Engel. Oder die man auch nicht mag. So wie Vögel, Schmetterlinge oder Engel. Deswegen musste ich gleich mal abwinken. Kein Flügel in dem Sinne. Gerade wenn es um die Konzeption komplexer Sachverhalte geht, ist es bisweilen schwierig, den Grundsatz zu vermitteln. Worte können dabei schnell zu einem Missverständnis führen, wenn sie ihrer Natur gemäß nun eben wörtlich genommen werden.

Custom-Sondierung: Vom Alptraum zur Bioorganik

Ich konnte Flo beruhigen. Es war nicht mein Plan, ein konkretes Flügel-Element für sein Brust Tattoo zu verwenden und auf seine Brust zu tackern. Vielmehr ging es um eine inhaltliche Logik, die dann im weiteren Verlauf aufgeweicht werden konnte, aber als Subtext eine gewisse Architektur zur Verfügung stellen sollte. Denn so funktioniert ein Custom-Tattoo: Kleine Schritte, einer nach dem anderen. Ein Vorschlag, ein weiterer Vorschlag. Sondierungsgespräche sind dabei das A und O. Deswegen wurden auch die in der ursprünglichen Zeichnung teilweise eher starren Elemente noch einmal fließender ausgeformt, unter anderem um sich den Wellenelementen auf der rechten Brustkorbseite anzunähern und sie einzubinden. Um die bestehenden Tattoos zu umrahmen und aufzufangen, wurde die Ausarbeitung dunkel angesetzt.

Grenzbereich von Dark Art und Bioorganik

Was dem Ganzen einen gewissen morbiden Touch gibt und auch geben sollte. Läuft das Tattoo dadurch als Dark Art Tattoo oder als Biomechanik Tattoo? Ich denke, in dem Fall haben wir definitiv einen Grenzbereich erarbeitet. Besonders durch die Tendenz, die Biomechanik in den Bereich der Bioorganik zu schieben, die oftmals auf Spiralen basiert, hat sich der ursprüngliche Gedanke der Biomechanik sowieso verwässert. Aber man darf nicht vergessen, woraus die Biomechanik nach H.R. Giger entstanden ist: aus Alpträumen. Nun, Alpträume hat Flo auf jeden Fall davon nicht bekommen, das konnte ich definitiv durch Nachfragen ausschließen.

Zusammenfassung (Für das Artikel-Schema & Technischen Aufbau)

  • Projekt-Historie: Großflächiges Custom-Projekt auf dem Brustkorb als komplexe Erweiterung und Verbindung bestehender Alttattoos; konzeptioneller Grenzbereich zwischen klassischer Biomechanik, Bioorganik und Dark Art.

  • Anatomische Anpassung: Strategisches Aufbrechen der geometrisch unmöglichen, geraden Wunschdiagonale quer über den asymmetrischen Knochenverlauf des Brustkorbs (Schwertfortsatz, Rippenbögen, Beckenfalte) unter direkter Berücksichtigung des Muskelspiels.

  • Narrative Metamorphose: Übersetzung abstrakter Konstruktionsprinzipien (wie der Tesselation nach M.C. Escher oder der Mechanik gefalteter Insektengelenke) in einen fließenden, organisch-morbiden Subtext, der bestehende Elemente harmonisch einbindet.

  • Strategische Flussrichtung: Konstruktion eines Fluchtpunkts weit über der Schulter zur Modifikation der Linienführung; Übertragung der physikalischen Prinzipien einer Venturi-Düse auf die Tätowierung, um am verengten Schwertfortsatz eine optische Kompression und anschließende Verwirbelung auf den Rippen zu erzeugen.

  • Handwerkliche Herausforderung: Transformation starrer, technischer Rohrleitungen in fluide, nach unten in helleres Grau schemenhaft auslaufende Strukturen; Erzeugung einer perspektivischen Dynamik durch die bewusste Verjüngung, Verbreiterung und Staffelung einzelner Segmente nach hinten.

F.A.Q. (Häufige Fragen für das Schema)

Warum lässt sich eine perfekt gerade Linie anatomisch nicht auf der Brust umsetzen?

Ein menschlicher Brustkorb besitzt keine geraden Flächen. Der Übergang vom Brustbein über den Schwertfortsatz hin zu den Rippenbögen und der Hüftfalte verläuft in unregelmäßigen, asymmetrischen Kurven. Eine rein geometrisch gerade gezogene Linie würde sich bei jeder Bewegung massiv verzerren. Das Design muss sich daher dem anatomischen Körperfluss anpassen, um die Illusion einer Diagonale zu bewahren.

Welche Rolle spielt die Venturi-Düse bei der Konzeption dieses Biomechanik-Tattoos?

Das Prinzip der Venturi-Düse – die Beschleunigung und Kompression eines Mediums durch eine Engstelle – wurde visuell auf die schmale Fläche am Schwertfortsatz übertragen. Die biomechanischen Strukturen verengen sich an diesem anatomischen Kipppunkt drastisch, um sich beim Übergang auf den Rippenbogen dynamisch und wirbelförmig zu verbreitern. Das verleiht dem Design eine fließende Strömungsdynamik.

Was bewirken die nach unten auslaufenden, fledermausartigen Fortsätze?

Diese vertikalen Segmente fungieren als bewusste anatomische Störelemente. Sie brechen die starre Diagonale optisch auf und leiten den Fluss nach unten ab. Da sie in ein helleres Grau schemenhaft auslaufen, bewahren sie eine visuelle Offenheit. Sie verhindern, dass das Tattoo blockhaft wirkt, und bieten gleichzeitig die Möglichkeit, das Gesamtprojekt im Bedarfsfall später nahtlos weiterzuführen.

Warum wird das Projekt als Grenzbereich zwischen Biomechanik und Bioorganik bezeichnet?

Die klassische Biomechanik nach H.R. Giger basiert stark auf harten, alptraumhaften Maschinenstrukturen und Rohren. Bei diesem Projekt wurden die ursprünglich eher starren Elemente im Verlauf der Sondierungsgespräche fließender ausgeformt. Durch die Integration von Wellenbewegungen und fließenden Strukturen verschiebt sich das Design in den bioorganischen Bereich, um die Alttattoos harmonisch zu umrahmen.

Wie hilft die Technik des „Soft Focus“ beim Betrachten des Tattoos?

Wenn der Betrachter das Auge entspannt, kein einzelnes Element fixiert und quasi durch das Bild hindurchschaut (Soft Focus), erschließt sich die komplexe Tiefenwirkung am Schwertfortsatz. Man erkennt, wie die einzelnen Segmente dreidimensional nach hinten gestaffelt sind und wie die Strukturen der Fluiddynamik fließend ineinandergreifen, anstatt flach auf der Haut zu liegen.