"In der nächtlichen Übermüdung am Zeichenbrett während dem ersten Corona-Lockdown verschwammen Zeitgeist und Biomechanik in einer Vision vor meinen Augen. Ich nannte die Zeichnung "Schwurbelteil"... — Roald Beyer über kreative Isolation und digitale Präzision

Biomechanik Lilie: Wenn aus Isolation kreative Strukturen wachsen

Dünger für den Geist: Die kreative Seite der Krise

Man kann einiges über die Zeit während Corona sagen – und man hat auch bereits unendlich viel darüber gesagt. Was man jedoch nur selten hört, sind gute Worte über diese Phase der Isolation. Doch man darf eines nicht vergessen: Aus allem, was erst einmal richtig bescheiden ist, kann auch etwas Gutes folgen. Um es mal ganz klar und ungeschminkt auszudrücken: Mist düngt. In meinem Fall, als begeisterter Freund der „1000 Messerschnitte“ des Selbsthasses, fallen mir glücklicherweise immer genug Projekte ein. Wenn man mich nach meiner Begeisterung für Projektmanagement fragt, antworte ich oft zynisch: „Was macht man nicht alles, wenn man viel Zeit und keine Freunde hat?“ Zum Thema Schmerzempfinden kannst du hier erfahren, wie sich Tätowieren anfühlt. (Link folgt)

Perspektivwechsel im Lockdown

Als ich ein paar Wochen später, nach der ersten Lockerung des Lockdowns, einen Kollegen in einer Gastronomie traf, sah ich die andere Seite dieser Zeit. Der Mann hatte die Wochen der Schließung genutzt, um seine eigenen Tattoos am eigenen Körper nachzuarbeiten. Das ist natürlich auch eine sehr konsequente Möglichkeit, seine Zeit sinnvoll zu verbringen, wenn das Studio zwangsweise leer bleibt. Es zeigt, wie unterschiedlich Künstler mit der verordneten Ruhepause umgegangen sind. Während die einen sich selbst tätowierten, stürzte ich mich in die digitale Welt, um neue Formen zu generieren, die weit über das bisherige Portfolio hinausgehen sollten. Die Isolation wurde so zum Treibstoff für völlig neue gestalterische Ansätze, die ich in nächtlichen Sitzungen entwickelte.

Selbstisolation als strahlendes Banner

Unter diesem Motto dürfte die Corona-Zeit eigentlich in ein strahlendes Banner eingewickelt werden. Selbstisolation, Fremdisolation, leere Straßen und eine ausgeprägte Kontaktarmut dominierten den Alltag. Was macht der Mensch, wenn auf einmal in einem solchen Umfang die Angst regiert? Nun, ich für meinen Teil widme mich den schönen Künsten, um ein bisschen Farbe ins Leben zu bringen, wenn es schon für sonst niemanden möglich war. So nutzte ich die unfreiwillige Freizeit, setzte mich an den Computer und zeichnete vor mich hin. Dabei entstanden komplexe Strukturen und biomechanische Elemente, die auf der Webseite in den Wanna-Dos unter dem Titel „Schwurbelteil“ lagen. Das „Schwurbelteil“ entstand aus reiner Übermüdung bis spät in die Nacht am neuen Brett für digitales Zeichnen.

Das „Schwurbelteil“: Ein biomechanisches Wortspiel

Es entbehrte nicht eines gewissen Zynismus, dass die „Schwurbelei“ in der Gesellschaft im Zusammenhang mit Corona zwischen dem ersten und zweiten Lockdown immer ausgeprägtere Ausmaße annahm. Ganz ohne Hintergedanken entwickelte ich diese ineinander verschlungenen, technoiden Formen und gab ihnen diesen Namen. Es war fast schon wegweisend, dass genau zu dieser Zeit ein Kunde vorbeikam, der Elemente von genau diesem „Schwurbelteil“ in seinem nächsten Tattoo verewigt haben wollte. Wobei wir uns jetzt definitiv nicht dazu hinreißen lassen wollen, einen Zusammenhang anzunehmen. Nein, es ist schlichtweg eine Form, eine Struktur, die dem Kunden ästhetisch gefällt und deren Linienführung ihn faszinierte. Biomechanik ist hier wertfrei und rein formfokussiert zu betrachten, fernab jeder politischen Deutung oder geistigen Verwandtschaft.

Biomechanik trifft Floristik: Die Lilie im Fokus

Das fertige Konzept sieht nun vor, diese abstrakten Strukturen in ein biomechanisches Gesamtwerk einzubetten, bei dem eine stilisierte Lilie, eine „Fleur de Lys“, den Hintergrund bildet. Die Lilie dient als organischer Ruhepol zu den harten, künstlichen Elementen des Schwurbelteils. Biomechanik lebt von diesem Kontrast: Dem Weichen auf der einen Seite und dem Konstruierten auf der anderen. Die Lilie bricht die Kälte der biomechanischen Teile auf und verleiht dem Tattoo eine fast schon klassische Eleganz, die auf den ersten Blick im Widerspruch zu den technoiden Windungen steht, sich aber perfekt ergänzt. Es entsteht eine Symbiose aus Natur und Maschine, die den gesamten Oberschenkel in eine dynamische Komposition verwandelt und heraldische Ästhetik modern interpretiert.

Platzierung: Der Oberschenkel als dynamische Leinwand

Der gewählte Ort für dieses Projekt ist der Oberschenkel, genauer gesagt die laterale Seite über dem Musculus quadriceps femoris. Diese Position bietet eine hervorragende natürliche Rundung. Durch den gezielten Richtungswechsel zum Knie hin entsteht eine enorme Dynamik. Die Platzierung wurde zudem so gewählt, dass sie zukunftssicher ist: Sollte irgendwann einmal der Wunsch aufkommen, das Tattoo zu erweitern, lässt sich das Knie wunderbar als Drehpunkt nutzen, um das Motiv nahtlos auf die Wade hin fortzuführen. Wie so eine biomechanische Bein-Erweiterung im Fluss wirken kann, zeigt dieses Projekt. Die Anatomie wird hier aktiv einbezogen, wobei der Kraftfluss der Muskulatur die Leitlinien für die biomechanischen Schwünge des „Schwurbelteils“ vorgibt und betont die physische Bewegung.

Schwung und Tiefe: Die Kunst der Schattierung

Bei der biomechanischen Lilie kam es vor allem darauf an, die Tiefe der „Schwurbelteile“ herauszuarbeiten. Durch gezielte Lichtsetzung und harte Schatten kontrastieren die organisch wirkenden Segmente mit den zarten Blütenblättern der Lilie. Das Zeichnen am Computer erlaubte es mir, diese Lichtverläufe im Vorfeld exakt zu planen. Besonders hervorzuheben ist, dass die Linien der Lilie nicht in einfachem Schwarz-Grau gestochen wurden. Es kam eine Sondermischung auf Violett-Basis zum Einsatz, die dem floralen Element eine subtile Farbtiefe verleiht, ohne die biomechanische Härte zu schwächen. Die digitale Präzision ermöglicht hierbei eine Plastizität, die handgezeichnete Entwürfe oft vermissen lassen. Es ist der Beweis dafür, dass Isolation den Blick für neue technologische Möglichkeiten schärfen kann, die später unter die Haut gehen.

Fazit: Ein Kind der Lockdown-Kreativität

Letztendlich ist die Biomechanik Lilie ein Kind ihrer Zeit. Ohne die erzwungene Ruhe der Lockdowns wäre das „Schwurbelteil“ vielleicht nie über eine flüchtige Skizze hinausgekommen. So aber wurde es zum Herzstück eines Projekts, das organische Schönheit mit abstrakter Geometrie vereint. Es zeigt, dass wir als Tätowierer und Künstler immer einen Weg finden, die Welt um uns herum zu verarbeiten – sei es durch Zynismus, Projektmanagement oder eben durch die Entwicklung völlig neuer biomechanischer Strukturen, die nun stolz auf einem Oberschenkel getragen werden. Ein Stück Zeitgeschichte, verewigt in Tinte, das die Brücke zwischen digitalem Design und traditionellem Handwerk schlägt und die Ästhetik der Biomechanik durch die heraldische Lilie auf eine neue Stufe hebt.

Zusammenfassung: Technik und Symbolik – Biomechanik Lilie

  • Stilistik & Genre: Progressive Biomechanik in Verbindung mit heraldischer Floristik; harter Kontrast zwischen künstlichen Segmenten und der organischen Formensprache.

  • Kreativer Ursprung: Digitale Konzeptarbeit während der Corona-Lockdowns; Nutzung intensiver Workflows im Bereich digitales Zeichnen am neuen Grafiktablett.

  • Das „Schwurbelteil“: Ein wertfreier, formfokussierter Titel für ein Wanna-Do-Konzept, dessen Name zynisch auf den gesellschaftlichen Zeitgeist anspielt.

  • Florales Element: Verwendung einer stilisierten „Fleur de Lys“ Lilie als Hintergrundmotiv; Linienführung in einer speziellen Violett-Schwarz-Mischung für exklusive Tiefe.

  • Anatomische Anpassung: Gezielte Platzierung auf dem lateralen Oberschenkel (Quadrizeps); Vorbereitung für Erweiterungen über das Knie.

  • Technische Umsetzung: Nutzung digitaler Vorplanung für extreme Plastizität; harte Lichtkanten und tiefe Schattierungen zur Simulation von Dreidimensionalität.

  • Narrativer Kontext: Reflexion über Schmerz (Lingchi / 1000 Messerschnitte) und die unterschiedliche Nutzung der Isolation innerhalb der  Tätowierer-Community.