"Wenn Biomechanik auf den Brustkorb trifft, werden Finger zu peitschenartigen Krallen. Es ist ein Spiel mit der Perspektive und der evolutionären Geschichte – von der Tiefe des Ozeans bis zum feurigen Leuchten eines Drachen." — Roald Beyer über anatomische Fraktale und das Finger Tattoo

Finger Tattoo: Biomechanik, Evolution und der Kraftakt aus Zermatt

Die Anatomie des Wunsches: Wenn Finger zu Krallen werden

Auch wenn der Begriff Finger Tattoo für den ein oder anderen irreführend sein mag, so war das doch der Wunsch von Kai, mit dem er zu mir kam. Kai wollte Finger in Biomechanik eingebunden haben. Nun, Finger zu tätowieren ist eine ganz eigene Sache. Die Haut dort ist einfach sehr eigen. Das kommt unter anderem von der Bewegung, die auf sehr kurzer Strecke der Fingerglieder, der Phalangen, auftritt. Dazu kommt die unterschiedliche Beschaffenheit der Haut, auf dem Fingerrücken ist sie dünn und auf der Innenseite ist sie dünn und straff und neigt zum Aufbau von Hornhaut, d.h. einem sehr schnellem Aufbau von neuer Haut und folgendem Austausch, die dann aufgrund der folgenden mangelnden Durchsetzung mit Feuchtigkeit verhornt.

Medizinische Exkurse: Nachheilende Fingerkuppen

Das hat wohl jeder schon ein oder zweimal erlebt: eine Blase auf der Innenseite der Hand, vom wiederholten Greifen. Dabei strömt Lymphflüssigkeit ein, die erneuernde Hautschicht arbeitet unter der Blase beschleunigt an neuer Oberhaut. Der Aufbau von Hornhaut kann dabei so schnell passieren, dass man bereits am übernächsten Tag gar nicht mehr merkt, dass man da eine Blase hatte. Das ist eine Eigenschaft der Finger, die sogar dazu führen kann, wie bei Eidechsen, die Fingerspitzen nachwachsen zu lassen, wie Ärzte inzwischen mit der Verheilungsmethode des Semiokklusiv-Verbands unter Beweis gestellt haben. Faszinierend? Auf jeden Fall. Und zwar so faszinierend, dass ich damit hier mega rum klugscheissen musste. Denn um solche Finger ging es bei dem Tattoo eben nicht.

Mehr Krallen als Finger: Biomechanik auf dem Brustkorb

Nein, es ging nicht um nachwachsende Finger, es ging um Finger auf dem Brustkorb. Die Finger sollten in der Art von Krallen ausgestaltet werden. Auf der Webseite habe ich im Archiv ein entsprechendes Rückentattoo, das wohl recht gefallen hat. Dazu kam noch der Gedanke eine meiner Zeichnungen – einen Drachen –, die unter Wanna-Do’s zu sehen ist, mit einfließen zu lassen. Die ursprünglichen Finger waren eigentlich mehr Klauen, die sich in die Seite reinbohren und in dieser Art für die Front eher nicht geeignet – zu grob, zu kurz und dazu auch noch ein paar Jahre alt. Also nahm ich das mit den Fingern wörtlich.

 

Fraktal, mal anders: Von Schalentieren und Evolution

Nun stellt sich immer die Frage, was mit den Zwischenräumen beim Finger Tattoo anfangen? Man könnte da doch ein wenig Schwimmhaut einbauen? Nun ja, aber nein. Aber bleiben wir doch bei dem Milieu, in dem Schwimmhäute aufzufinden sind, dem Wasser. Um die Zwischenräume der Finger auch noch ansprechend zu füllen, schlug ich sich an die Form der Finger anpassende Klauen vor. In dem Sinne ein Fraktal, angelehnt an die Finger. Bloß in der Art wie Scheren von Schalentieren. Wieder mal Klugscheißermodus: Forscher der Uni Genf haben herausgefunden, dass unsere Finger sich genetisch aus der Kloake, dem Arsch von Fischen entwickelt haben. Zu diesem Zeitpunkt habe ich das noch nicht gewusst, mein Kopf hätte sich im Kreis gedreht.

Perspektive aus dem Blickwinkel eines Fingers

Natürlich hat ein Finger Tattoo keine Möglichkeit, einen Blickwinkel zu entwickeln. Keine Augen, keine Perspektive. Dafür hatte ich die. Platz sollte der Brustkorb mit all seinen Ecken, Kanten und auch Rundungen sein. Und da fallen die Rundungen eher ins Auge als Ecken. Also wurden die Finger zum Anpassen an die Form des Brustkorbs mit perspektivischen Verkürzungen dargestellt. Tatsächlich wären, bei „normaler“ Ausgestaltung die Finger an Stellen mit Gelenken ausgestattet worden, die sich nicht mit dem Brustkorb in Deckung bringen ließen. Aber auch, um die Seiten des Brustkorbs als längste Flächen eher „ruhig“, die vorderen Elemente zum Brustbein hin mit den Endgliedern eher dynamisch zu gestalten. Und damit den Fingern eine peitschenartige Bewegung zu verleihen.

Farbverteilung: Komplementäre Sondermischungen

Und nachdem der Drache in Farbe sein sollte, in der Kategorie „burn“, also schön feurig-flammend, war es nur naheliegend den Hintergrund auch farbig in tiefe und vordere Bereiche aufzuteilen. Je weiter zur „hinteren“ Seite gelegen desto mehr ins Blau-Graue, je weiter nach „vorne hin ins Rot-orange. Zugleich konnte ich die Finger demgegenüber in Schwarz-Grau gestalten. Dadurch werden die Finger nach vorne gedrückt, sind aber gleichzeitig eher morbide, drückend. Düster, würde so mancher vielleicht sagen. Die Farben waren dabei mal wieder Sondermischungen aus Komplementärfarben, die den „dreckigen“ Touch noch unterstützen. Leider ist es schwierig, auf Bildern gleichzeitig die Wirkung von Schwarz-Grau und Farbe in Idealform aufzufangen.

 

Überregionaler Kraftakt: Zermatt, Visp und Moderna

Denn wie das Leben so spielt, war Kai auf beiden Seiten der Medaille von Corona angesiedelt. Im wahrsten Sinne. Kai war im Umkreis München wohnhaft, als wir mit dem Tattoo angefangen hatten. Und als Corona am Start war, kam er in den Genuss, als chemisch-technischer Assistent für eine der Tochterfirmen von Moderna zu arbeiten. Die hatte in der Zeit ein riesen Werk in Lonza in Visp, nahe Zermatt, aus dem Boden gestampft. Und so fuhr Kai regelmäßig, alle 2 Wochen im Durchschnitt, von Zermatt aus nach München. Von sich aus schon ein Gewaltmarsch. Um das logistisch und terminlich vernünftig zu gestalten, wurde eine Übernachtung mit eingeschoben, und am Wochenende 2 Tage hintereinander gearbeitet.

Stresstest: Adrenalin und das REACH-Farbenverbot

Eine echte Belastung. Der 2.Tag macht keinen Spaß, besonders nicht bei einer so grossen Fläche. Da tut es keinen Unterschied, ob man an einem Tag, strategisch geplant, auf der einen Seite am Brustkorb und am anderen Tag auf der anderen Seite auf der Brust macht. Die Adrenalinreserven sind irgendwann leer. Hut ab vor Kai. Das Finger Tattoo wurde zu einem regelrechten Kraftakt. Nicht nur, dass der Lockdown uns einen Strich durch die Rechnung machte; darüber hinaus waren die Farben dem Untergang geweiht. Schließlich wurden diese zum 4.1.2022 gemäß REACH in den Rezepturen verboten. Wir mussten ranklotzen. Die Hersteller aus den USA kamen erst 2025 wieder auf den Markt. Nachdem der Farbdruck raus war, lief es mit unserem Finger Tattoo :-).

★★★★★

„Bin sehr zufrieden. Super Arbeit, toller Shop und ein professioneller, sympathischer Tätowierer der nebenbei noch klasse Kaffee macht. Für ein grosses front piece bin ich mehrere Male aus Zermatt angereist und es hat sich auf jeden Fall gelohnt.“

— Kai, überregionale Anreise aus Zermatt (Schweiz)

Zusammenfassung: Technik und Symbolik – Finger Tattoo

  • Stilistik & Design: Biomechanische Interpretation von Krallen (basierend auf fraktalen Scherenstrukturen) kombiniert mit einem Drachenmotiv im „Burn“-Stil.

  • Anatomische Integration: Platzierung auf dem Brustkorb unter Anwendung perspektivischer Verkürzung; peitschenartige Dynamik durch flexible Gelenkdarstellung entgegen der starren Rippenstruktur.

  • Farbtheorie & Kontrast: Komplementärkontrast zwischen feurigen Rot-Orange-Tönen (Vordergrund/Drache) und kühlen Blau-Grau-Nuancen (Hintergrund); Finger in Schwarz-Grau zur Erzeugung von plastischer Tiefe.

  • Evolutionäre Symbolik: Integration von Fraktalen und „Schwimmhaut“-Strukturen als Hommage an die genetische Entwicklung der Extremitäten (Fisch-Evolution).

  • Handwerkliche Herausforderung: Umsetzung unter Zeitdruck aufgrund der REACH-Verordnung 2022; Verwendung spezieller Komplementär-Farbmischungen für einen authentisch „dreckigen“ Touch.

  • Projekt-Historie: Überregionales Langzeitprojekt (Zermatt/Schweiz – München) während der Corona-Lockdowns; Belastungstest durch intensive Zweitages-Sitzungen.

F.A.Q. – Biomechanik und überregionale Planung

Warum ist die anatomische Anpassung beim Brustkorb so schwierig? Da der Brustkorb viele Ecken und Kanten, aber vor allem Rundungen aufweist, müssen biomechanische Elemente wie die Finger mit perspektivischen Verkürzungen dargestellt werden. Ohne diese Anpassung würden die Gelenke der Krallen unnatürlich wirken und sich nicht mit dem Bewegungsspielraum des Brustkorbs decken.

Was bedeutete das REACH-Verbot für die Fertigstellung des Tattoos? Da das Projekt in der Kategorie „Burn“ (farbintensiv) angelegt war, mussten wir vor dem 4.1.2022 fertig werden, da die spezifischen US-Farbrezepturen danach in Europa verboten wurden. Das erforderte eine massive Beschleunigung der Sitzungsfrequenz („Ranklotzen“), um das Design in der geplanten Qualität abzuschließen.

Wie wird ein Tattoo-Projekt über 400 km Distanz (Zermatt – München) logistisch gelöst? Für Kunden mit extrem weiter Anreise, wie Kai aus Visp bei Zermatt, planen wir strategische Wochenend-Sitzungen. Dabei wird an zwei aufeinanderfolgenden Tagen gearbeitet (inklusive Übernachtung), um trotz der Adrenalin-Belastung bei großen Flächen einen signifikanten Fortschritt zu erzielen.