Durch die Verbindung der gestalterischen Elemente entsteht eine Weichheit, eine harmonische Vertrautheit, in der die auf den ersten Gedanken unvereinbaren Teile eine sanfte Geschichte flüstern. Die von Schöpfung, in der Zerstörung liegt.
Raul Beyer | Tutu Pele & Die Urgewalt
Hawaii Tattoo in München: Die Urgewalt der Göttin Pele
Kolosse der Meere und die Schöpferkraft des Vulkans
Was kommt dir in den Kopf, wenn du an Hawaii denkst? Als erstes möglicherweise die Inseln Hawai’i, Maui, Moloka’i und die Inselkette, die Hawaii darstellt. Strände wahrscheinlich. Hula-Tanz? Blumen und Blumengirlanden? Oder muskelbepackte, halbnackte Tätowierte, mit stilisierten Haifischzähnen verziert? Oder mit einer Schildkröte? Oder, wenn wir schon dabei sind, vielleicht ein Wal?
Schließlich ist Hawaii unter anderem auch dafür berühmt, dass dort Wale vorbeiziehen – auf ihrer Reise aus den kalten Gewässern Alaskas zu den warmen, tropischen Gefilden um Hawaii. Wenn der Wal aus dem Wasser hochschießt, um platschend mit dem Rücken aufzuschlagen, kommen einem wohl Szenen aus Moby Dick mit Captain Ahab in den Sinn.
Mit Ehrfurcht vor der zerstörerischen Seite der Inseln
Mit welcher Leichtigkeit ein solcher Koloss der Meere, mit 16 Metern Länge und 45 Tonnen Gewicht, ein Boot zerschmettern könnte, mag einen mit Ehrfurcht erfüllen. Aber vielleicht kommen dir auch die sowohl fruchtbaren als auch zerstörerischen Seiten von Pele in den Sinn?
Selbst wenn du ihren Namen noch nicht gehört hast, weißt du vielleicht trotzdem, dass Hawaii eine nach wie vor wachsende Landmasse sein Eigen nennt. Vulkane, davon viele. Und Pele, ehrfürchtig Tutu Pele genannt, ist in ihrer Urgewalt die treibende Kraft. Die Göttin, die Schöpferin und zugleich Zerstörerin.
Die Kunst des Storytellings im Hawaii Tattoo: Ein ganzes Archipel auf einer Wade
Wie man unvereinbare Elemente formgetreu verbindet
Was macht man nun, wenn eine Faszination für Hawaii besteht und frau für das nächste Tattoo Hawaii als Grundlage nehmen möchte? Und dabei eigentlich alle vorher genannten Elemente mit in das Tattoo integriert haben möchte?
Dann darf man sich überlegen, wie man eine Geschichte aufbaut, in der die einzelnen Elemente sich formgetreu unterstützen und auseinander ergeben. Nachdem über dem Fußknöchel bereits eine kleine Eidechse sitzt, ist der Platz noch dazu ein wenig eingeschränkt. Von Pele gibt es zahlreiche Bilder, die sie als hübsche, junge Frau mit markantem hawaiianischem Gesicht zeigen. Ihre Haare sind gewellt wie die fließende Lava, die von ihr ausgeht.
Die Ohia-Lehua-Blume: Ein feuriger Akzent aus Plüsch und Rot
Um den Kopf hat sie einen Kranz von Blumen, die ʻŌhiʻa Lehua. Als die erste Blume, die auf dem fruchtbaren Boden nach einem Vulkanausbruch zu wachsen beginnt, ist sie eng mit der Göttin Pele verbunden. Jetzt könnte man denken, diese Blume schaut aus wie der Herd einer roten Explosion – zum Vergleich das Tattoo mit der Knallgasformel. Oder wie ein roter Besen.
Aber das ist lediglich eine Frage der Perspektive. Eher erinnern sie fast schon an plüschige Pompons, und es braucht nicht viel Fantasie, sich vorzustellen, wie Pele mit ihnen tanzt und ihre Haare ausschüttet.
Farbspiele und optischer Kontrast: Die Dynamik von Rot und Gelb
Ein botanisches Alleinstellungsmerkmal auf schwarz-grauer Haut beim Hawaii Tattoo
Die Blumen sind wunderschön rot, mit gelben Köpfen endständiger Staubblätter, die den eigentlichen Blütenbecher mit bis zu 3 Zentimetern bei Weitem in den Hintergrund stellen. Und in diesem Tattoo sollten sie das einzige farbige Element sein.
Der Platz auf der Wade sowie bis vorne zum Schienbein bot sich durch die unterschiedlichen Perspektiven bei der seitlichen und hinteren Ansicht wunderschön für Abwechslungsreichtum an. Um die für hawaiianische Tattoos typischen geometrischen Elemente einzubauen, wurden diese entlang des Schienbeins angesetzt. Sie dienen, als stilisierter Schildkrötenpanzer, als Grundlage für die hautpassend freigelassenen Silhouetten der Inselgruppe Hawaii, umspült von wellenförmigen Elementen – den Haaren von Pele.
Anatomischer Fluss: Wenn die Meeresschildkröte die Eidechse küsst
Um einen Kontrast aufzubauen, wurden die Haare im Wesentlichen mit weichen Außenlinien abgegrenzt, wobei die Felder des Schildkrötenpanzers sanft durch sie durchscheinen. Der Schildkrötenkopf ist nicht zu übersehen, wie er mit dem alten Eidechsen-Tattoo busselt.
Die Flosse der Schildkröte umrahmt den Muskelbauch der Wade und gibt dabei die Form eines Wals vor, der an Peles Gesicht angelehnt ist – als würde sie die Wange an ihn lehnen und mit ihm kuscheln. Die stilisierten Wellen beinhalten typische Südsee-Tattoo-Motive in Hellgrau. Sie wirken dadurch als weiterer Hintergrund unterstützend und verstärken gleichzeitig die Dynamik des Tattoos.
Schöpfung in der Zerstörung: Eine sanft geflüsterte Geschichte
Der Blumenkranz sticht durch das Alleinstellungsmerkmal der Farbe und Rot als Signalfarbe dazu sofort ins Auge. Die gelben Köpfe helfen dabei, die eigentlich dunkle Farbe Rot noch zusätzlich aufzulockern und Lebendigkeit zu vermitteln.
Durch die Verbindung der gestalterischen Elemente entsteht eine Weichheit, eine harmonische Vertrautheit, in der die auf den ersten Gedanken unvereinbaren Teile eine sanfte Geschichte flüstern. Die von der Schöpfung, in der die Zerstörung liegt.
Zusammenfassung: Technik und Anatomie – Hawaii Custom Tattoo
Projekt-Historie: Maßgeschneiderte Erststich-Erweiterung auf der Wade und dem Schienbein; harmonische Einbindung und partieller Lückenschluss zu einem bereits vorhandenen Eidechsen-Tattoo über dem Fußknöchel.
Anatomische Anpassung: Strategische Platzierung der fließenden Wellen- und Haarelemente entlang des Muskelbauchs der Wade; exakte Ausnutzung der Schienbeinkante für geometrische Südsee-Motive, die sich bei Bewegung der Silhouette optimal mitdrehen.
Narrative Metamorphose: Verschmelzung der hawaiianischen Mythologie zu einem fließenden Gesamtbild; das Gesicht der Vulkangöttin Pele schmiegt sich an die Konturen eines Buckelwals, während eine Meeresschildkröte optisch eine Brücke zum alten Knöchel-Tattoo schlägt.
Strategische Flussrichtung: Kontrastierung von geometrischen Mustern (Schildkrötenpanzer) und weichen, organischen Außenlinien (Lava-Haare); Freilassung negativer Hautflächen zur Darstellung der geografischen Silhouetten des Hawaii-Archipels.
Handwerkliche Herausforderung: Perfekte Balance zwischen einem großflächigen Black-and-Grey-Hintergrund im traditionellen polynesischen/hellgrauen Stil und einem intensiv leuchtenden, roten Farbakzent durch die ʻŌhiʻa Lehua-Blüten.
F.A.Q. (Häufige Fragen zu diesem Projekt)
Wie wurden die geografischen Inseln von Hawaii in das Tattoo-Design integriert? Die Silhouetten der hawaiianischen Inselkette wurden nicht einfach als dunkle Flächen tätowiert, sondern als sogenannte Negativ-Flächen (freigelassene Haut) ausgespart. Sie betten sich harmonisch in die geometrischen Strukturen eines stilisierten Schildkrötenpanzers ein, der entlang des Schienbeins verläuft und von den fließenden Lava-Haaren der Göttin Pele umspült wird.
Welche Bedeutung hat die rote Blume im Haarkranz der Göttin Pele? Bei der rot leuchtenden Blüte handelt es sich um die ʻŌhiʻa Lehua, die in der hawaiianischen Kultur tief verwurzelt ist. Da sie als allererste Pflanze auf dem erkalteten, fruchtbaren Lavaboden nach einem Vulkanausbruch wächst, symbolisiert sie das Thema „Schöpfung, die in der Zerstörung liegt“. Im Tattoo wurde sie ganz bewusst mit leuchtend roten Pigmenten und gelben Staubblättern als einziges Farbelement (Color-Pop) inszeniert.
Wie bettet sich das neue Südsee-Motiv an das bereits bestehende Knöchel-Tattoo an? Anstatt das alte Eidechsen-Tattoo über dem Fußknöchel zu covern oder stumpf zu umgehen, wurde es aktiv in die neue Geschichte eingebunden. Das Design der fließenden polynesischen Wellen und der Meeresschildkröte wurde anatomisch so nach unten gezogen, dass der Kopf der Schildkröte die alte Eidechse sanft berührt („busselt“) und somit eine organische Einheit bildet.






