Somit gestaltete ich den Ellbogen zum Point of Richtungswechsel, eine Veränderung in der Perspektive. War bis zum Ellbogen die Säule übereinander gestaffelt, so waren die Strukturen über dem Ellbogen von vorne nach hinten orientiert und schufen damit die Grundlage für eine optische Täuschung.
Raul Beyer | Die Logik der Perspektive
Knochenrüstung Biomechanik Tattoo München: Anatomische Illusionen
Warum wir unseren Gelenken furchtbar dankbar sein sollten
Wäre der Körper ein einziges statisches Element, oh mein Gott! Es wären ziemlich amüsante Bewegungen, die dabei herauskommen würden, wenn man keine Gelenke hätte. Wobei sich das widerspricht, denn gar keine Gelenke würden eine Bewegung per se unmöglich machen.
Also korrigiere ich: Es wäre ein ziemlich staksiges Bewegen, hätte man ein paar Gelenke weniger. Seien wir also mal dankbar dafür. Und nachdem wir so richtig furchtbar dankbar sind, feiern wir das natürlich auch und ehren unsere Gelenke. Indem wir mit ihnen eben genau das machen, wofür sie da sind: Bewegung zu ermöglichen.
Der Instagram-Wahnsinn und das Heischen um Aufmerksamkeit
Das Internet, besonders die sozialen Medien, sind doch immer wieder ein Quell der Freude. Zum Beispiel Instagram. Nachdem ich schon wenigstens drei oder vier Jahre dort war, stellte die Plattform irgendwann mal fest, dass ich wohl Tätowierer sein müsste. Ich muss zugeben, ich habe mich eher wie ein Totalverweigerer verhalten.
Die Witze und Sketche, mit denen meine Kollegen teilweise aufwarteten, fand ich schon bereits Anfang der 2000er furchtbar alt. Möglicherweise hatte ich durch meinen Aufenthalt in den USA damals Einblicke bekommen, die ich danach nicht mehr ungesehen machen konnte. Und diese mussten definitiv nicht die Tür aufgemacht bekommen.
Wenn der dynamische Nachwuchs die Anatomie erklärt beim Biomechanik Tattoo
Ab und an gibt es dann diesen jungen, dynamischen Tätowierer, der mit seinem Wissen auffährt und erzählt, wie denn der Schwung der Tätowierung zu laufen habe, um die Muskulatur beim Biomechanik Tattoo optimal zu integrieren. Wenn ich auf diesen Grundsätzen arbeiten würde, könnte ich mich definitiv traurig in den Schlaf weinen. Dann hätte ich sehr lange Zeit sehr viel falsch gemacht.
Dabei ist es wie damals 2007 auf der Berliner Convention, als ich meine Tattoo-Maschinen vorstellte. Ein Händler meinte, sie seien eigentlich unmöglich, könnten gar nicht funktionieren und sähen aus wie das verrückte Experiment eines durchgeknallten Professors. Und trotzdem: Sie funktionierten verdammt gut. Dementsprechend muss man nicht immer etwas auf das Internet-Gerede geben.
Der Point of Richtungswechsel: Die Zähmung der Dynamik
Das Spiel mit der ungebrochenen Wirbelsäulen-Struktur
Bei diesem Biomechanik Tattoo Projekt wurde Unmögliches miteinander vereint. Die entlang der Längsachse gerade ausgerichteten Strukturelemente statisch zu nennen, wäre durch die Wellenbewegungen im Querverlauf eine Fehlbezeichnung. Dennoch wurde hier durch den Übergang zum Oberarm eine flüssige Bewegung eingeleitet. Nachdem der Unterarm beendet war, hatte ich wohl etwas angestoßen, als ich mit Nick die Grundlagen des Aufbaus diskutiert hatte.
Obwohl der Unterarm-Sleeve gerade sein sollte, spielte Nick nun mit dem Gedanken, es doch mit etwas Bewegung zu versuchen. Diesen Zahn musste ich ihm gleich ziehen: Bewegung ja, aber nein. Beziehungsweise ein gepflegtes: „Ja klar, aber.“
Eine optische Täuschung über der Ellbogen-Kante am Beispiel Biomechanik Tattoo
Durch die entlang der Elle ausgerichtete, wirbelkörpermäßige Säule war im Bereich des hinteren Armes eine klare, ungebrochene Struktur entstanden. Diese musste auch über dem Ellbogen gerade verlaufen. Lediglich eine leichte Verdrehung zur Achsel hin wäre dabei machbar, ohne die monumentale Wirkung zu zerstören.
Allerdings war der strukturelle Aufbau durchaus flexibel. Somit gestaltete ich den Ellbogen zum Point of Richtungswechsel – eine bewusste Veränderung in der Perspektive. War die Säule bis zum Ellbogen strikt übereinander gestaffelt, so waren die Strukturen über dem Ellbogen von vorne nach hinten orientiert. Das schuf die perfekte Grundlage für eine optische Täuschung.
Morphende Knochenstrukturen: Vom Brachioradialis zum Bizeps
Sportliches Anschneiden auf den großen Muskelbäuchen
Ich hatte das Tattoo am Unterarm und Innenarm zur Ellbeuge hin bereits in eine seitlich orientierte, ausufernd dynamische Bewegung gelehnt. Unter Ausnutzung des Musculus brachioradialis wurde diese Dynamik nun in eine wahrhaftig dynamische Schräglage verwandelt. Das verlangte zusehends ein sportliches Anschneiden von mir ab.
Die schindelartigen, ineinandergreifenden, gelenkflächenähnlichen Strukturen wurden massiv größer gezogen und verzerrt. Nur so passten sie sich den anatomischen Gegebenheiten des Oberarms perfekt an, ohne sich im großen Ganzen zu verlieren. Was mich freilich nicht daran hinderte, trotzdem ganz viel filigranes Klein-Klein in den Zwischenräumen einzubringen. Es soll ja schließlich nichts verloren gehen!
Strukturelle Wucht durch gezielte Kehrwasser-Strudel im Körperfluß beim Biomechanik Tattoo
Besonders die Ansicht des inneren Bizeps zeigt wunderschön die fließenden, morphenden Strukturen des Designs. Diese erzeugen in immer neuen Richtungswechseln im anatomischen Fluss regelrechte Kehrwasser-Strudel. Das Auge wird dadurch förmlich durch die Knochenrüstung gezogen.
Besonders durch den direkten Kontrast zu dem weitgehend gerade und linear ausgerichteten Unterarm wirkt die strukturelle Wucht des Oberarmes umso mehr. Gegensätze ziehen sich in der Biomechanik eben nicht nur an, sondern sie verstärken sich gegenseitig massiv. Ein unkopierbares Unikat auf Nicks Haut.
Zusammenfassung: Technik und Anatomie – Knochenrüstung Biomechanik
Projekt-Historie: Nahtlose Ärmel-Erweiterung und Fortführung eines bestehenden, geradlinigen Unterarm-Sleeves; sitzungsübergreifende Transformation des gesamten Arms zu einer mechanisch-organischen Knochenrüstung bei Nick.
Anatomische Anpassung: Gezielte Ausnutzung des Musculus brachioradialis zur Einleitung einer dynamischen Schräglage; massive Skalierung und Verzerrung schindelartiger Gelenkstrukturen auf den großen Muskelbäufen des Oberarms und Bizeps.
Narrative Metamorphose: Verbindung linearer, wirbelsäulenartiger Säulenstrukturen mit fließenden, morphenden Elementen; Erzeugung einer plastischen Tiefenwirkung, die den Arm wie eine hochkomplexe, biomechanische Rüstung wirken lässt.
Strategische Flussrichtung: Inszenierung des Ellbogens als Point of Richtungswechsel; perspektivischer Bruch durch den Übergang von einer vertikal gestaffelten Unterarm-Säule zu horizontal von vorne nach hinten ausgerichteten Oberarm-Strukturen.
Handwerkliche Herausforderung: Meisterung einer optischen Täuschung im Kontrast zwischen Statik und Dynamik; meisterhafter Einbau von extrem feinem „Klein-Klein“ in den Zwischenräumen, um trotz der Wucht des Oberarms maximale Detaildichte zu wahren.
F.A.Q. (Häufige Fragen zu diesem Projekt)
Wie wurde der Übergang vom geraden Unterarm zum dynamischen Oberarm gelöst? Um den linearen Fluss des Unterarms nicht brutal zu brechen, wurde der Ellbogen als strategischer Wendepunkt definiert. Während die wirbelkörperartige Säule auf der Elle gerade weiterläuft, drehen sich die angrenzenden Strukturen über dem Gelenk von vorne nach hinten. Dieser perspektivische Kniff verbindet die Statik des Unterarms harmonisch mit der organischen Wucht des Oberarms.
Warum wurden die schindelartigen Strukturen auf dem Oberarm so groß gezogen? Der Oberarm besitzt im Vergleich zum Unterarm wesentlich größere Muskelbäuche, insbesondere am Bizeps und Trizeps. Würde man hier das feine Muster des Unterarms im gleichen Maßstab weiterführen, würde das Gesamtmotiv auf Distanz flach und unleserlich wirken. Die Gelenkflächen wurden daher stark verzerrt und vergrößert, um sich perfekt an die Dehnung der Haut anzupassen.
Was hat es mit den Richtungswechseln auf der Innenseite des Bizeps auf sich? Der innere Bizeps wurde als fließende, morphende Zone gestaltet. Die biomechanischen Knochenelemente verändern hier im anatomischen Fluss permanent ihre Ausrichtung. Dadurch entstehen optische Kehrwasser-Strudel, die bei jeder Beugung oder Drehung des Arms eine völlig neue, dreidimensionale Dynamik erzeugen und das starre Material lebendig wirken lassen.









