Grinsekatze Tattoo: Die Rückkehr nach 18 Jahren
Von Totgeglaubten und dem Verschollenheitsgesetz
Ab wann kann man jemanden als totgeglaubt bezeichnen? Nun, auch wenn es einfach nur ein Sprichwort ist, wird dieser Umstand im Verschollenheitsgesetz geregelt, das früher ein Teil des BGB, des Bürgerlichen Gesetzbuches, war. Hier ist neben anderen maßgeblichen Elementen die Rede von 10 Jahren, außer die Person ist über 80 Jahre alt, dann gelten 5 Jahre.
Abgesehen von diesen doch harten Fakten gibt es das schöne Sprichwort „Totgeglaubte leben bekanntlich länger“. Aber ich glaube, man müsste zuerst mit dem Sprichwort „aus den Augen, aus dem Sinn“ auftrumpfen. Denn nur weil man jemanden eine Weile lang nicht sieht, heißt das noch lange nichts.
Die unerwartete Rückkehr nach München
Schließlich zieht das Leben seine eigenen Bahnen, mit all den verschiedenen Widrigkeiten, die es eben so beinhaltet. Also kann ich bei Eva nicht in dem Sinne sagen, dass sie totgeglaubt sei. Sondern einfach nur, nun ja, nicht mehr da. Auf jeden Fall nicht mehr in München, wie es sich herausstellen sollte.
Und dann steht da plötzlich jemand vor dir, schaut dich an wie die Grinsekatze aus Alice im Wunderland und will mal wieder ein Tattoo. Nach wie langer Zeit? 18 Jahre? Es scheint tatsächlich achtzehn Jahre her zu sein, dass wir damals mit diesem Cover-up Tattoo angefangen haben. Und es nicht fertig gemacht haben. Warum eigentlich?
Was zur Hölle: Spurensuche im unvollendeten Projekt
Das Rätsel der ungeliebten Blumenlinien
„Was zur Hölle habe ich mir denn dabei damals gedacht?“ Es sprudelt aus mir heraus, laut, herzerfrischend. Lag mir auf der Zunge. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Ja, das denke sie sich auch über ihre Beweggründe, vor allem weil sie ja eigentlich gar keine Blumen möge. Irgendwie ist die Grinsekatze nicht in den Sack zu bekommen. Wir grienen uns an.
Mal ehrlich, nach achtzehn Jahren fällt es einem echt schwer, sich an die grundlegenden Motive für ein Projekt zu erinnern. Wir hatten schon angefangen, mit den Linien. Und die Linien umfassten dann die besagten Blumen. Und auch ein wenig Hintergrund war schon eingefärbt worden.
Die Ausgangslage: Cover-up Tattoo 2.0
Es sollte nämlich damals schon eine Überdeckung werden, das jetzt zu wiederholende Cover-up Tattoo 2.0. Ausgangslage war der Drache von Sick of it all auf der Schulter, der eigentlich das Ende nicht mehr sehen sollte. Eben Cover-up Tattoo. Und dann kam wohl das Leben dazwischen.
Das Leben ist das, was passiert: Pläne im Wandel
Akademische Odysseen abseits der Heimat
Das Leben ist das, was passiert, während du andere Pläne machst. Es kam wohl ganz massiv das Leben dazwischen. Raus aus München. Der Liebe nach? Auf jeden Fall Studium. Nicht in München eben. Und dann noch ein Studium.
Biologie war dann doch wohl nicht so die Wahl, die der Arbeitsmarkt belohnt. Forschung hauptsächlich. Brotlose Kunst in dem Sinne, solange man sie sich mit aufs Brot streichen will. Katzen sind da auch mit am Start. Aber keine Grinsekatzen. Vor allem selten lebende. Was zur Hölle haben wir uns bloß dabei gedacht?
Grinsekatze als Cover-up: Die Farbwahl
Wenn alte Linien hartnäckig bleiben
Ich bekomme mehrere Bilder der Grinsekatze präsentiert. Miau. Ich muss sagen, die Farben dieser Bilder sind echt hübsch. Lila und Türkis, das eine. Und das passt eigentlich ganz gut, denn das alte Tattoo hatte bereits ein wenig Türkis mit reingepackt bekommen.
Jetzt muss ich allerdings sagen, dass eine Überdeckung als Ganzes nicht wirklich in Frage kommt. Was auch immer wir uns dabei gedacht haben damals: Wir haben es auf jeden Fall ernst gemeint. Und bei dem Ernstmeinen sind unverkennbar kräftige Linien entstanden. Da tut auch die Zeit keinen Abbruch. Die sind immer noch kräftig. Allerdings sind ein paar der Linien dann eben wohl noch nicht fertig gewesen. Und die müssen jetzt dran glauben.
Drüber und drunter: Technische Kniffe der Überdeckung
Farbenmagie und harmonische Graustufen
Es geht bei diesem Cover-up Tattoo im wahrsten Sinne drüber und drunter. Es sind ein paar alte Elemente übrig geblieben. Die komplett zu überdecken, wäre mal etwas sportlich – und auch unnötig. Denn die kann man ohne Probleme einbauen und mit etwas neuerem Stil aufpeppen, will heißen partiell stehen lassen, partiell nacharbeiten. Dadurch wird die Überdeckung etwas aufgelockert, es soll ja nicht zu dunkel werden.
Aus dem Grund nehme ich als Grundfarben Türkis und Lila. Das wird mit etwas Farbenmagie und Weiß versehen, und schon habe ich ein Grau, das diese beiden Farben mit zum Inhalt hat. Deswegen kuschelt es sehr gerne mit den beiden Grundfarben, da es sich wunderbar mit ihnen verträgt.
Lichtkanten und visuelle Störer
Lila kommt in die dunklen Parts: In die Streifen, in die Schattenbereiche, in die Lippe. Rot fungiert als Signalfarbe, die sich in den Vordergrund drängt: Um die Augen herum, als Lichtkante an die Schnauze, Schnute, Zähne. Das gibt dem Ganzen den Anschein, als ob es von unten rot angeleuchtet wäre, aber nur partiell.
Und um das Motiv offen und locker zu belassen, wird mal im Umkehrverfahren das Blumenbukett mit Punkten und gepunkteten Linien in Grau gestylt. Es gibt inzwischen einen wunderschönen Begriff dafür. Begriffe sind wichtig! Und sie hören sich toll an, so toll wie „Stippling“ oder „Pepper-Shading“. Ich nenne es schlicht ein Stilmittel auf dem Weg zum Ziel. Dass die anatomische Erweiterung bestehender Tätowierungen keine starren Grenzen kennt, zeigt das [Custom Wellen Tattoo] am Gesäß, bei dem sich der neue Bildfluss perfekt an die Dynamik des bereits vorhandenen Irezumi-Rückens anschmiegt
Pinke Akzente und der finale Sinnspruch
Dazu kommen ein paar Linien als Störer, um alte Elemente zu integrieren oder davon abzulenken. Außer natürlich die große Kannenblume, die braucht etwas farbige Aufmerksamkeit: Also Pink. Und wir wollen das nicht in Pink ertränken, denn Eva ist nicht the pink kinda girl. Als ob das alles nicht ausreichen würde: Ach – hast du den putzigen kleinen Zylinder gesehen? Ich finde den total süß. Ok, nicht ablenken lassen!
Nachdem wir uns ja eigentlich schon im absolut trashigen Bereich befinden, muss noch ein Sinnspruch her. Wir überlegten erst „In this Style“, wie es der verrückte Hutmacher am Hutband trägt. Nee, passt nicht. Aber warum nicht als krönender Abschluss nach unten in diesem Grinsekatze Tattoo? „We’re all Miau here“! Mad kann ja schließlich jeder.
Und weil es so schön passt:
Dass die anatomische Erweiterung bestehender Tätowierungen keine starren Grenzen kennt, zeigt das Custom Wellen Tattoo am Gesäß, bei dem sich der neue Bildfluss perfekt an die Dynamik des bereits vorhandenen Irezumi-Rückens anschmiegt
Zusammenfassung: Technik und Symbolik – Grinsekatze Cover-up Tattoo
Projekt-Historie: Reaktivierung eines unvollendeten, 18 Jahre alten Cover-up-Projekts; Integration statt vollständiger Zerstörung der damals bereits gestochenen, massiven Linienstrukturen.
Farbtheoretische Symbiose: Verwendung von lebendigem Türkis und Lila; Erschaffung eines harmonischen Grautons durch Beimischung von Weiß zur nahtlosen optischen Überbrückung der Altelemenente.
Dramaturgische Lichtführung: Gezielter Einsatz von Rot als Signalfarbe an Augen und Schnauzenpartie zur Simulation eines surrealen, von unten kommenden Gegenlicht-Effekts.
Stilmittel-Strukturierung: Auflockerung des ungeliebten, alten Blumenbuketts mittels Stippling und Pepper-Shading (Punktierungstechniken), ergänzt durch abstrakte Linienstörer.
Typografischer Abschluss: Einarbeitung eines individualisierten Trash-Sinnspruchs („We’re all Miau here“) am unteren Motivrand als humorvolle, charakterstarke Veredelung des Alice-im-Wunderland-Themas.
F.A.Q. – Anatomie des Grinsekatze Tattoos & Zweifach-Cover-ups
Warum ist ein „Miteinbauen“ alter Tätowierungen oft sinnvoller als eine radikale, deckende Überdeckung? Bei Alttattoos, die mit dunklen, kräftigen Linien gestochen wurden, stößt man bei einer klassischen, deckenden Überdeckung schnell an technische Grenzen. Knallt man einfach nur massives Schwarz darüber, droht das gesamte Motiv blockhaft, dunkel und leblos zu wirken. Durch das clevere Einbinden der alten Strukturen – etwa durch das Aufpeppen mit modernen Schattierungstechniken wie Stippling – bleibt das neue Tattoo offen, atmet auf der Haut und spart unnötigen, schmerzhaften Farbeintrag.
Was versteht man unter den Begriffen „Stippling“ und „Pepper-Shading“ in der Tattoo-Praxis? Beide Begriffe bezeichnen hochpräzise Punktierungstechniken im Black-and-Grey– oder Farbbereich. Statt Flächen homogen auszufüllen, werden Verläufe und Schatten durch unzählige, winzige Nadelpunkte erzeugt. Beim Pepper-Shading wirkt die Schattierung dadurch körnig und weich – ähnlich wie feiner, gestreuter Pfeffer. Diese Techniken eignen sich perfekt, um komplexe Freiflächen oder alte Blumenstrukturen extrem filigran aufzulockern, ohne visuelle Schwere zu erzeugen.
Wie reagieren frische Pigmente (Lila/Türkis) mit bereits vorhandenen Farben in der Lederhaut? Bei einem Cover-up 2.0 muss man die physikalische Farbmischung unter der Haut einkalkulieren. Da Tätowierfarbe in der Lederhaut eingekapselt wird, fungiert das alte Pigment (hier ein verblasstes Türkis) wie eine farbige Basisschicht. Setzt man nun frische, komplementäre Nuancen wie Lila oder ein speziell abgemischtes „Zaubergrau“ darüber, verschmelzen die Töne im Auge des Betrachters. Das Ergebnis ist ein tiefer, hochgradig individueller Farbverlauf, der die Altlasten harmonisch neutralisiert, statt sie stumpf zu blockieren.
vor dem Cover-up
Tattoo
vor dem Cover-up
Tattoo
vor dem Cover-up
Tattoo
vor dem Cover-up
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